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Kapitel 01: Womit alles begann...

Ich erzähle aus dem Jahr Zwei nach der Hochzeit mit Claudia, das muss so 2005 gewesen sein. Anfangs lief unsere Ehe fantastisch. Ich leistete schier Unglaubliches bei der Hausarbeit. Freiwillig! Mit Freude! Sogar das Klo putzte ich und lächelte meinen Schatz dabei an, säuselte etwas von „Selbstverständlich“ und „Das ist doch keine Frauenarbeit“ oder „So soll es immer sein“. Sie wiederum schaute ab und zu mit mir Fußball, ich erklärte ihr dieses und jenes, ja, damals hatte ich sogar die irrige Vision, dass ich irgendwann auch die Abseitsregel mit ihr diskutieren könnte. Bei der Tour de France hätte ich mißtrauisch werden müssen, sie bemerkte jedes Geschäft, welches durch die Kamera flitzte, wenn die Übertragung uns durch Ortschaften führte. Als dagegen Basso am Tourmalet angriff, und ich aufgeregt aufsprang, schlief sie selig.

Wenn es mal nichts zu putzen gab oder kein Sport im Fernsehen lief trieben wir es miteinander, überall und jederzeit. Millionen von Kalorien verbrannten, in unserer Wohnung muss es gerochen haben wie an einem verglühenden Lagerfeuer. Das so gesparte Geld für ein Fitnessstudio konnte wir in lebenswichtige Dinge aus dem Sexshop von nebenan investieren.

Im darauffolgenden Jahr kaufte ich mir dann ersatzweise Laufschuhe!

Die ersten 3-km-Runden kamen mir ewig vor, besonders immer dann, wenn ich von einer 55jährigen Dicken überholt wurde, was zu meiner Schande nicht nur einmal geschah. Doch mit der Zeit hatte ich den Dreh raus, und damit begann meine Geschichte, die ich hier erzählen möchte:

Ich parkte mein Auto direkt am Maschsee, Hannovers Sporttreffpunkt Nummer 1. Sonntags kommt es hier zu Massenaufläufen und häufig wird man mehr oder weniger freiwillig Zeuge verschiedenster menschlicher Konflikte, denn bekanntlich akzeptieren Bewegungsfanatiker nur Gleichgesinnte derselben Sportart. So fahren Rennradler Hunde über den Haufen, während spazierende Familien zu siebt nebeneinander flanieren müssen, damit ja kein Skater es wagt, zum Überholen anzusetzen. Da muss der Jogger aus vollem Lauf abbremsen, weil ein Trupp Ruderer gerade seelenruhig ein Boot quer über den Weg trägt. Und mittendrin grölt ein Haufen Halbstarker Sauf- und Fußballlieder auf dem Weg zu „96“, so dass zwei Rentner sich die Hände vor die Hörgeräte halten und ohne rot zu werden schwafeln, dass es so etwas früher nie gegeben hätte.

Ich stieg aber an einem Dienstag-Mittag aus dem Auto, genoss die Ruhe, band mir die Laufschuhe um, raschelte durch das herbstliche Laub zum Startpunkt und lief los: Zwei Runden um den See bedeuteten 12 Kilometer: Neuer Rekord! Und das auf einem völlig versumpften Weg. Nach dem dritten Steckenbleibem im Schlamm wechselte ich auf den nachbarlichen asphaltierten Skaterweg. Kluge Entscheidung, denn hier gab es keinen Morast, nur riesige Pfützen. Als ich kalt lächelnd die erste durchlief und feststellte, dass der Grund viel tiefer lag als es mir beim heranlaufen schien, beschloss ich, auf Slalomtraining umzusteigen. Das wiederum überforderte das Denkvermögen eines wahnsinnigen Rennradfahrers, der von hinten heranraste. Als ich wieder einen Schlenker in meine Laufübung einbaute, war er gerade auf gleicher Höhe und rammte meinen linken Arm. Wir schrien beide! Ich landete in der Pfütze, die ich doch gerade so wenig heldenhaft umlaufen wollte. Er lag wie ein Maikäfer auf dem Rücken im Gras, sein Rad landete quer über ihm. Noch als mein Kopf unter Wasser steckte, hörte ich ihn fluchen, was sich in meinen Ohren unnatürlich langgezogen anhörte, wie eine zu langsam abgespielte Schallplatte. Die älteren Leser werden sich an solche Töne vielleicht noch erinnern.

Als ich auftauchte, verstand ich ihn, wenn auch nur akustisch, denn zu meinem Erstaunen erklangen keine Schmerzensschreie, sondern nur: „Meine Zeit, meine Zeit! So ein Blödmann, meine gute Zeit!“

Er stand schon, hob das Rad hoch und ließ es zweimal auf den Boden fallen um zu hören, ob irgendetwas klapperte. Dann schwang er sich auf den Sattel, ohne mich eines Blickes zu würdigen, schrie noch einmal irgendetwas, dass sich nach „Arschloch“ anhörte und trat in die Pedale, als ob eine Herde Elefanten hinter ihm her wäre. Fassungslos starrte ich ihm hinterher, während langsam der Schmerz in meinem Arm spürbar wurde. Ich stellte fest, dass Rennradfahrer wohl noch viel bescheuerter sein müssen als Jogger! Gott sei Dank, dass ich mir die richtige Sportart ausgesucht hatte.

Eine Hand krallte sich um meine Schulter. Ich drehte mich und schaute in das Gesicht einer mäßig hübschen Mittdreißigerin in Laufschuhen und Schweißflecken unter den Achseln.

„Geht’s Ihnen gut?“ säuselte sie. „Ich habe alles gesehen! Geht’s Ihnen gut?“

Ich untersuchte meinen Arm und befand ihn für benutzbar. Ein paar herabhängende Hautfetzen sahen nicht so gut aus und ein Bluterguss kündigte sich an. Aber ich konnte ihn heben und senken und drehen und schütteln, was vor allem wichtig war, um ihre Kralle von meiner Schulter zu entfernen.

„Diese Rennradfahrer werden noch unser aller Tod sein!“ zwitscherte sie in einem Ton, der mich dazu brachte, Verständnis für alle Radler dieser Welt aufzubringen. Wie wurde ich dieses Sinnbild weiblicher Erotik nur wieder los?

Mein rettender Engel nahte, man sollte es kaum glauben, auf zwei Rädern: Mein Kumpel Daniel! Unser Supersportler. Aktuell auf dem Triathlontrip. Radfahren gehörte bislang nicht zu seinem Repertoire, deshalb kaufte er sich ein solches Sportgerät. Ein Superteil, Vollkarbon, damals noch fast unerschwinglich, doch Geld gehörte zu Daniels geringsten Problemen dank gutem Erbe und cleverer Lebensführung: keine Frau auf Dauer, keine Kinder auf Lebenszeit. Auch für das Alter war vorgesorgt, denn Enkel, die ihm die Haare vom Kopfe fraßen, würden nie existieren. Der Traum eines jeden verheirateten Mannes!

„Hey Paul. Du siehst aus wie eine Bisamratte auf Landgang!“ lachte er und stieg vom Rad. Er lehnte es gegen einen Baum und klackerte uns auf seinen Radschuhen entgegen.

„Und wie ich sehe, hast Du auch schon eine rattige... äh... ich meine natürlich rassige Freundin dabei.“

Ich hätte ihn umarmen können, unterließ es aber aufgrund meines feuchten Äußeren. Frau Säusel verabschiedete sich mit Worten, die danach klangen, als ob man sich wiedersehen könnte. Ich gab ihr zum Abschied meine Hand so, dass sie den Ehering nicht übersehen konnte. Sie wackelte davon. Manchmal hat so eine Ehe auch sein Gutes!

„Danke“, flüsterte ich erleichtert und erzählte Daniel dann kurz, was geschehen war.

„Wenn Du beim nächsten Mal in der Pfütze noch ein paar Züge kraulst, kannst Du auch beim Triathlon mitmachen.“, antwortete er.

„Jaja“ Ich tat eingeschnappt. „Dazu fehlt mir neben einer vernünftigen Badehose nur noch ein Rennrad. Oder nach dem heutigen Erlebnis sollte ich vielleicht besser sagen: 'Zum Glück'“.

Ich trat zu seinem Renner.

„Ich habe zwar keine Ahnung davon, aber sieht gut aus.“

Das war kein schlauer Satz, denn nun betete mir Daniel alle möglichen Sonderausstattungen herunter, die sein Schmuckstück besaß. Ich hörte nur halb hin, denn mir fielen auf einmal Kindheitserinnerungen ein: Als ich mit meinem Kumpel John durch die Republik radelte, mit Rucksack und Packtaschen, Zelt und Gaskocher, das Leben genoss und erste Blicke auf Mädels riskierte.

„Willst Du mal Probe fahren?“ hörte ich Daniel fragen. „Hey, Paul. Schläfst Du? Willst Du mal 'ne Runde um den See probieren?“

„Äh... dazu bräuchte ich doch diese Klick-Dings-Schuhe“, zögerte ich.

„Ach was, ist doch nur Test. Rauf auf das Rad, los, Größe dürfte etwa passen, bist doch nicht viel länger als ich!“

Ich hatte Schiss vor dem Rad. Dünne Reifen, dicke Pfützen und Paul, der Angsthase ergaben nicht die Kombination, die mich zu Jubelstürmen hingerissen hätte. Doch Daniel kannte kein Pardon und so hievte ich mich über den Rahmen auf den Sattel.

Was soll ich sagen! Anfangs trat ich vorsichtig, doch trat sich das Ding so unglaublich leicht und ich raste dahin. Das hatte ich vermisst, ohne es zu wissen. Nur die Jogger, die sich auf dem Asphaltweg herumtrieben, statt drüben auf dem Waldweg zu laufen, nervten! Die Kilometer flogen nur so dahin, und fast wäre ich nach meiner Runde an Daniel vorübergerauscht. Ich zog an den Bremsen, wohl etwas zu fest, denn sofort stockte das Rad abrupt und ich musste mich gegen den Lenker stemmen, um einen Abflug nach vorn zu verhindern. Daniel lachte mich aus.

„Na? Geile Sache, oder? Kauf Dir doch auch eins, dann können wir mal zusammen...“

Ich schüttelte den Kopf und antwortete artig:

„Nee, lass mal. Hat Spaß gemacht, zugegeben, aber Claudia und ich sind doch gerade auf diesem Spartrip.“

'Wofür auch immer.', fügte ich gedanklich hinzu, denn ich hatte mit der Sparidee nichts zu tun. Die war vor ein paar Wochen bei Prosecco in der donnerstäglichen Klatschbasen-Runde entstanden. Nun litten alle betroffenen Familien unter der neuerlichen Schikane, nur Daniel wusste natürlich als Single nichts davon. Der Glückliche...

Auf Daniels verständnislosen Blick fügte ich hinzu:

„Außerdem genügen mir erst einmal die Laufschuhe. Damit bin ich ausgelastet genug, wäre sonst ein bisschen viel Sport für mich.“

Wir quatschten noch ein paar Minuten, dann verabschiedete ich mich und trabte zum Auto, stellte die Heizung auf höchste Stufe und fuhr nach Hause, wo ich mich endlich umzog und hoffte, um die sonst in ähnlichen Fällen stets folgende Erkältung herumzukommen. 

Abends schlich ich heimlich an meinen Computer! Ich bestellte das erstbeste billige Rennrad im Internet. Und hoffte auf ein paar Lieferverzögerungen, damit meine neue Liebe erst nach Ablauf der Sparwochen eintreffen würde.

 

About Me

Rennrad fahren, schreiben und programmieren! Aus diesem Mix meiner liebsten Hobbys ist Paul Blaes hervorgegangen; was kann es Schöneres geben, als seine Vorlieben zu verbinden und auch noch andere daran zu erfreuen. Entstanden sind nicht nur satirische Onlinegeschichten über die Rennradelei, sondern auch ein Buch – inzwischen als Taschenbuch und E-Book, welches zu etwa einem Drittel exklusive Kapitel enthält. Darüber hinaus werden über diese Website Trainingsvideos angeboten, welche sich als Motivation für die Wintermonate auf Rolle, Spinningrad oder allen anderen Hometrainermöglichkeiten eignen. Diese Videos enthalten neben den schönsten Landschaften Europas (bisher Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich und Mallorca) – in der Hauptsache berühmte Pässe oder Bergstrassen – auch die Geodaten der Original-GPS-Aufzeichnung. Die ältesten Videos enthalten bereits Angaben zu den durchfahrenen Orten, der aktuellen Höhe, der Restkilometer und der Steigung. Je neuer die Aufnahme, desto mehr Technik wurde integriert, die neuesten Videos enthalten alle darüber hinaus Restzeit, Geschwindigkeit, Höhenmeter sowie bei besonders aufregenden Bergpassagen auch nur für diese Passagen Restzeiten und Höhenmeter. Und obendrein hat sich auch die Aufnahmequalität der Bilder enorm verbessert. Wer einmal sein Training mit so einem Video gestaltet, wird nicht mehr ohne wollen J

Ich wünsche viel Vergnügen auf allen Seiten von www.paulblaes.de!