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Kapitel 02: Erste Ausfahrt

Verdammt, war ich gut! Meine Werbeaktion war von Erfolg gekrönt, den Kerl nur einmal um den Lago di Masch* gelassen und schon hat er sich auch ein Rennrad gekauft. Ich hätte Radverkäufer werden sollen, wenn ich nicht schon genug Kohle besäße.

Liebe Leser, ich darf hier auch mehr oder weniger berichten, damit Pauls eingeschränkte Sichtweise nicht die Einzige bleibt, die Euch hier geboten wird. Und so greife ich zu Stift und Papier um euch von Pauls erster Ausfahrt zu erzählen.

Ich freute mich drauf, denn nun bestand die Chance, dass mich ab und zu auch mal jemand begleiten würde. Paul war zwar ständig krank, an irgendetwas litt der immer, ob er nun wirklich etwas hatte oder es sich nur einbildete, sei mal dahingestellt. Dennoch war das immernoch das geringere Übel im Gegensatz zu John, der entweder schlief oder arbeitete. Und wenn er doch mal früher aus dem Büro kam, dann schob er die Familie vor. 3 Gören lungerten bei ihm zu Hause herum plus Frau! Der arme Kerl, könnte man meinen, aber Mitleid ist hier fehl am Platze, denn ihm schien das auch noch zu gefallen. So war es fast ein Wunder, dass John zusagte, als Paul ihn fragte, ob er uns auf seiner ersten Ausfahrt begleiten würde. Die Neugier auf Pauls neues Rad war wohl stärker, denn John fuhr noch eine Krücke, die er sich wahrscheinlich vor der Wende irgendwo im Osten zusammengebastelt hatte, als die Mauer noch stand, und John von der dunklen Seite drüberschielte.

Zur Marienburg sollte es heute gehen. Unser nächstgelegenes Trainingshügelchen, welches uns zu ersten Höhenmetern verhalf, wenn die Beine noch schlaff und weiß sind. Leser aus den Alpengebieten würden, wenn sie dort langführen, sicher fragen, wo denn nun der Hügel sei. Gut gemeinter Rat meinerseits an euch: Einfach mal die Klappe halten, denn für die Ohren des gemeinen Hannoveraners klingen solche Fragen ketzerisch. Er könnte sich leicht verspannen.

Wir trafen uns am Südufer des Lago*. Als ich ein paar Minuten vor abgemachter Zeit ankam, stand Paul schon da und fummelte an seinem neuen Spielzeug herum. Paul, unser Pünktlichkeitsfanatiker, war immer der Erste! Ich gönnte mir einen kleinen Spass und versteckte mich hinter einem Baum, um ihn zu beobachten. Dass John meine kleine Spionage stören würde war nicht zu befürchten, denn John als das genaue Gegenteil von Paul kam stets zu spät. 5 Minuten vor der Zeit schaute Paul das erste Mal auf die Uhr. Er fummelte nicht mehr, stand nur noch da. Wieder Blick auf die Uhr, noch drei Minuten. Er kramte in der Tasche und zog sein Handy hervor: Uhrenvergleich! Als ob bei Paul auch nur eine Uhr falsch gehen würde! Kurz vor 10 Uhr wurden die nervösen Blicke hektischer! Er begann hin- und her zu laufen weil er unsicher wurde, ob er sich den richtigen Treffpunkt gemerkt hatte. Eine für ihn unerträgliche Vorstellung! Dann drehte er abrupt, lief mit lautem Klackern auf seinen neuen Schuhplatten zum Rad und begann wie wild auf sein Handy einzuhacken. Ich holte meines auch heraus und wartete auf den Signalton, der jeden Moment ertönen musste. Richtig, kurze Zeit später erhielt ich eine SMS von Paul, wo wir denn blieben. Ist es nicht wunderbar, dass auf manche Dinge stets Verlass ist?

Ich stieg aufs Rad und fuhr los, um Paul aus seiner Panik zu erlösen und begrüßte ihn mit den Worten:

„Hey Paul, super, du bist ja auch pünktlich!“

Gott sei Dank nimmt er es selten krumm, dass wir ihn gern ein wenig aufziehen und stolz präsentierte er mir sein neues Rad. Und plötzlich stand John neben uns, fing sich noch einen kurzen Strafblick von Paul ein, was ihn aber nicht weiter juckte, und los gings.

Dachten wir! Die ersten Kilometer glichen eher dem Stop and Go auf der A2 am Freitag-nachmittag, denn Paul kam noch nicht so recht mit seinen Klickpedalen klar. Bei jeder Ampel dauerte es seine Zeit, bis er den Einstieg in die Pedale fand und wir das markante „Klack“ hörten. Doch schnell waren wir aus Hannover heraus und rollten fröhlich schwatzend gen Süden.

Kaum war das Ortsausgangsschild passiert, blies unser besonderer Freund, der Gegenwind, mitten ins Gesicht. Der gemeine Radfahrer kennt nur diese besondere Rasse Wind, das schwächliche Brüderchen Rückenwind lässt sich leider nur selten blicken. John, unser Hinterrad-Klebe-Künstler, verschwand sofort unauffällig nach hinten. Geschickt gelang es ihm immer, sich vor der Arbeit zu drücken. Er nutzte Kurven oder Ampeln, um die Reihenfolge rechtzeitig so zu verändern, dass er wieder einmal davon kam. Ich kannte das ja schon, doch wir werden im Laufe dieser netten Seite hier sicher noch das eine oder andere Mal von Pauls cholerischen Anfällen berichten, der sich darüber so gern aufregte. Doch heute bei seiner ersten Ausfahrt durchschaute er das Spiel noch nicht. Er hing noch etwas ungelenk über seinem ungewohnt schmalen Sattel, dass ich mich schon auf sein erstes Gejammer über Po-Weh-weh freute, aber davon ab genoss er es sichtlich.

So wechselten Paul und ich uns an der Spitze ab, was mir selbst auch nur recht war. Ich brauchte Training für den Triathlon, reine Bummelfahrten nützten da nicht viel, und Paul steckte an diesem Tag sowieso voller Endorphine. Wie es ihm gelungen war, das Rad als neues Familienmitglied einzuschleusen, erfuhren wir nie, wohl aber bekamen wir mit, dass es im Hause Blaes immer öfter krachte. So genoss der gute Paul heute seine Freiheit, und wenn er vorn fuhr, zog das Tempo so gehörig an, dass unser untrainierter Familien-John ab und zu „Langsaaaamer!“ brüllte.

Natürlich sollte sich das rächen! Doch Geduld, als wir an den Fuß der Marienburg kamen, ging es noch allen gut. Ich hatte extra die Anfahrt von Nordstemmen gewählt, denn ich wusste, das Paul die Burg noch gar nicht kannte! Dieser Kulturbanause! Der Blick von dieser Seite auf die über uns thronende Burg ist atemberaubend schön, was ist dagegen Neuschwanstein? Wir drosselten das Tempo, um den einen oder anderen Blick riskieren zu können. Paul staunte, den mir schon bekannten, ergriffenen Ausdruck des Erstbeschauers in den Augen. Doch Schluß mit der Sentimentalität, denn kurze Zeit später begann der Aufstieg. Vier 180-Grad-Kurven auf 1,2 Kilometer mit durchschnittlich 5% Steigung (Liebe Schluchtenscheißer, das ist die Stelle, von der ich vorhin sprach, bei der ihr euch bitte euer arrogantes Grinsen verkneift!) warteten auf uns und hier spielen sich Dramen ab! Nein, ich spreche in der Mehrzahl, das ist falsch, eigentlich ist es nur ein Drama, welches sich jedesmal wiederholt, wenn eine Radtruppe hier lang fährt. Bis zu der Stelle, an welcher die Steigung beginnt, könnte man das friedlich radelnde Grüppchen für eine harmonische Truppe alter Freunde halten. Fröhlich schwafelnd kurbeln sie mehr oder weniger schnell durch die Lande. Immer darauf bedacht, dass auch ihr schwächstes Teilnehmerlein nicht abreißen lässt. Doch an der Burg, da wo die Luft adrenalingeschwängert ist, verlieren sie ihre guten Manieren, kennen sie keine Freunde, da herrscht purer Egoismus, manchmal sogar Haß und Krieg! Schon bei der Anfahrt verstummen die Gespräche. Jeder lauert auf eine gute Position, die Zielanfahrt bei der Tour ist ein Witz dagegen. Im Wind will keiner mehr fahren, meist erwischt es den eben schon erwähnten Schwächsten, der hier seine kaum vorhandenen Kräfte verpulvert, doch auf Mitleid kann er nicht mehr hoffen. Denn wenn das Schild „Zur Marienburg“ zum rechtsabbiegen zwingt und sich die Straße zur Burg hinaufzieht, fliegen sie alle an ihm vorbei, und mit lautem Schrei „Frei Berg“ geht die Jagd los. Oben auf dem Gipfel ist schon so manch ahnungsloser Burgbesucher, der zu seinem Auto spazieren wollte, dem Herzinfarkt nur knapp entgangen. Grund: Um die letzte Kurve rast auf einmal eine Horde Radaffen mit 210er Puls auf ihn zu, schwer keuchend dem Tode so nahe, dass der besorgte Besucher schon das Handy zückt um den Notarzt zu rufen. Doch zu kurz ist der Anstieg, als dass dieser Zustand zu lang anhält, weshalb das Handy bald wieder verschwindet und der Besucher sich zum Auto bewegt und losbraust, nicht ohne durch die Abgaswolke die Wut der Horde auf sich zu ziehen.

So geht es zu an der Marienburg. Doch nicht heute. Mir juckte es zwar in den Fingern und vor allem Beinen, loszujagen und den beiden ein bisschen was von ihrem viel zu großen Ego zu nehmen, doch ich drosselte mein Begehren und zuckelte gemeinsam mit der sehr geehrten Gegnerschaft den Berg hinauf. Die beiden begannen auch noch zu quatschen während des Aufstiegs, erzählten irgendwas von „genießen wir es“ und „wunderbare Landschaft“! Als ob das hier wichtig wäre! Ich musste mich fast übermenschlich beherrschen und es wäre mir zu schwer gefallen, wenn ich nicht oben angekommen auf die Idee gekommen wäre, den Jungs zuzurufen, dass sie sich eine kurze Pause verdient hätten und ich das Ganze nochmal fahren würde. So stürzte ich mich in die Abfahrt und raste die Serpentinen nochmal hinauf, in einem Tempo, das es eines Daniels auch würdig ist!

Befriedigt kam ich oben an, wo sich mir folgendes Bild bot:

Paul hing über seinem Lenker und kotzte während John sein Rad hielt und mich angrinste.

„Was ist denn mit dem los?“ fragte ich teils besorgt über Pauls Anblick und gleichzeitig amüsiert über Johns Reaktion.

„Och, unser Cleverle hat sich frischgepressten Orangensaft in die Radflasche gekippt. Weil er den so mag! Hat ihm wohl sein liebes Frauchen heute morgen extra noch fertiggemacht, wahrscheinlich mit einem Schmatzer überreicht. Naja, das Zeug vorm Berg zu trinken führt halt zu sowas.“

Er lachte. Ich unterdrückte Paul zuliebe meines und versuchte mitleidig zu schauen, denn er hatte sich gerade aufgerichtet und sah mich vorwurfsvoll an.

„Jaja, lacht ihr nur.“, mühte er sich durch seine übersäuerte Kehle. Doch glücklicherweise grinste auch er über so viel Blödheit, und nach einer Weile schwangen wir uns wieder auf unsere Räder. Gemütlich zuckelten wir die letzten 25 Kilometer gen Maschsee, Paul erholte sich, nachdem er den Osaft weggekippt und sich von mir ein paar Schluck Iso geborgt hatte. Zum Schluss hatte er sein Malheur schon fast vergessen, als ob es nie geschehen wäre. Und nun kennen wir den Grund, warum diese Website hier entstehen musste: Um Schlauheiten wie diese für die Nachwelt als warnendes Beispiel festzuhalten. Denn Anfänger wird es immer geben. Aber seien wir mal ehrlich: Ohne sie wäre es auch langweilig, denn Anfänger tun Dinge, die man nie für möglich gehalten hätte!

 

*hannoveranisch für Maschsee

 

About Me

Rennrad fahren, schreiben und programmieren! Aus diesem Mix meiner liebsten Hobbys ist Paul Blaes hervorgegangen; was kann es Schöneres geben, als seine Vorlieben zu verbinden und auch noch andere daran zu erfreuen. Entstanden sind nicht nur satirische Onlinegeschichten über die Rennradelei, sondern auch ein Buch – inzwischen als Taschenbuch und E-Book, welches zu etwa einem Drittel exklusive Kapitel enthält. Darüber hinaus werden über diese Website Trainingsvideos angeboten, welche sich als Motivation für die Wintermonate auf Rolle, Spinningrad oder allen anderen Hometrainermöglichkeiten eignen. Diese Videos enthalten neben den schönsten Landschaften Europas (bisher Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich und Mallorca) – in der Hauptsache berühmte Pässe oder Bergstrassen – auch die Geodaten der Original-GPS-Aufzeichnung. Die ältesten Videos enthalten bereits Angaben zu den durchfahrenen Orten, der aktuellen Höhe, der Restkilometer und der Steigung. Je neuer die Aufnahme, desto mehr Technik wurde integriert, die neuesten Videos enthalten alle darüber hinaus Restzeit, Geschwindigkeit, Höhenmeter sowie bei besonders aufregenden Bergpassagen auch nur für diese Passagen Restzeiten und Höhenmeter. Und obendrein hat sich auch die Aufnahmequalität der Bilder enorm verbessert. Wer einmal sein Training mit so einem Video gestaltet, wird nicht mehr ohne wollen J

Ich wünsche viel Vergnügen auf allen Seiten von www.paulblaes.de!