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Kapitel 03: Reifenpanne

Samstag-Mittag im goldenen Herbst dieses Jahres: Ich saß mit meiner Familie und ein paar Freunden meiner Frau im Garten. Man sollte es nicht für möglich halten: Wir grillten! Die wärmende Sonne ließ es zu und wir entschieden spontan, für dieses kleine Event den Gastgeber zu spielen. Ich hatte etwas Pech, alle meine Freunde turnten anderweitig durch die Gegend oder hatten Ausgehverbot von ihren Frauen auferlegt bekommen. Anders bei meiner Holden: Es rasselte Zusagen, als hätte die Gaunerbande auf nichts anderes gewartet. Mit Schmerzen in der Magengegend übergab ich der Kassiererin in der Fleischerei einen Hunderter, der Gegenwert des guten Stückes sollte in den gefräßigen Mägen landen, ach, ich möchte nicht drüber nachdenken.

Der Grill leerte sich, die Zeit verging, doch keiner machte Anstalten, den Ort des Geschehens zu verlassen. Ich durfte mir Sprüche anhören, verbunden mit scheinheilig lächelnder Miene, wie: 'Wenn man doch schon einmal da war' oder 'Mensch, bei dem Wetter hier grillen' sollte übersetzt heißen: „Kuchen gibt’s doch auch noch, oder?“.

Gott ist manchmal gnädig, es klingelte, gerade als ich los wollte, den nächsten Hunderter der Bäckerin in den Rachen zu werfen. Meiner kurzen Reichweite zur Klinke verdankte ich die Erlaubnis meiner Frau, die Tür selbst öffnen zu dürfen. Ich vermutete einen weiteren Hungerleider, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, am Abend satt und zufrieden gen Home zu schlendern, als mir Daniel entgegengrinste.

Der sah nicht danach aus, als wollte er an mein Erspartes. In Laufklamotten gekleidet, tänzelte er auf und ab, um den Puls oben zu halten.

„Hey, John! Lust auf ne Joggingtour? Kleine Runde, 10 Kilometer oder so!“

Ich hatte keine Ahnung, wie weit er schon gelaufen sein mochte, wir wohnten nicht gerade Tür an Tür. Egal, denn das war meine Chance, dem Ganzen hier zu entkommen. Vielleicht würde wer anders das Kuchenbezahlen übernehmen, wenn der Hausherr nicht mehr zugegen war. Ich entschuldigte mich mit bedauerndem Gesicht, und flunkerte von  einem Freund, welchem wir aus der Patsche helfen müssten.

Als ob ich es geahnt hätte!

Wir liefen los und wie gewohnt bestimmte Daniel Tempo und Strecke. Ich dachte mir nichts dabei, auch als wir recht merkwürdige Gebiete durchquerten, die ich sicher nicht als ultimative Laufstrecke ausgesucht hätte. Plötzlich blieb Daniel stehen und meinte, ich solle einen Moment warten. Er verschwand im Gebüsch und ich vermutete, dass ihn ein menschliches Bedürfnis quälte. Doch flugs tauchte er wieder auf, mit einem Monsterrucksack auf dem Rücken! Ich starrte ihn an und zweifelte an der Leistungsfähigkeit meiner Sehwerkzeuge, als er grinsend meinte, dass er nicht alles erzählt hätte.

„Das glaube ich langsam auch“, meinte ich misstrauisch.

„Keine Bange, John. Du wirst gleich sehen.“ sagte er und lief weiter. Er hielt 20 Meter weiter an einer Straßenlaterne. Ein Rad stand dort angeschlossen, mit einem 5-EUR-Schloß, sein Rennrad, Traum aller Fahrraddiebe! Ich schaute genauer hin. Das Hinterrad hatte einen Platten! Vielleicht hatte das zumindest die dämlichsten der Langfinger abgehalten.

„Ja“, meinte Daniel zustimmend. „Die Luft ist irgendwie raus aus dem Ding. Und ich hab es nicht geschafft sie wieder reinzubekommen.“

„Wie... 'reinbekommen'“, fragte ich und ahnte, dass ich gleich eine Lehrstunde in Sachen Technik erhalten würde.

Er griff nach seiner Pumpe, die am Rad festklemmte und pumpte sich die Seele aus dem Leib! Ich schaute mir das Spektakel eine Weile an. Als ich mir sicher war, dass er die Pumpaktion nicht überleben würde wenn ich nicht eingriff, fragte ich ihn, was er da täte.

Ehe ich weiter erzähle sollte ich vielleicht erläutern, dass unser Daniel eine der größten Sportskanonen... na, zumindest aus dem Freundeskreis ist. Aber leider keine Mutter von einer Schraube unterscheiden kann. Manchmal wünschte ich, einer seiner zahllosen stählernen Muskelstränge würde sich in Basiswissen Fahrradreparatur verwandeln. Ich sagte ihm seufzend, dass ich das übernehmen würde, er solle mir nur sein Flickzeug oder Ersatzschlauch geben. Als er mich verständnislos ansah, begriff ich, dass ich zu viel vorausgesetzt hatte.

„Aber was ist denn alles in diesem verdammten Rucksack drin?“ fragte ich verzweifelt.

„Klamotten“, antwortete er stolz. „Ich wollte gleich einen Triathlon machen, zum Test, in zwei Wochen starte ich das erste Mal bei so einem Rennen. Hab ich vielleicht schon einmal erwähnt.“

'Nein, hast du nicht, erzähl doch mal.’, wollte ich gehässig antworten, aber ich verkniff es mir.

„Zuerst bin ich 500 Meter geschwommen, hab mich dann umgezogen und bin aufs Rad, bis der Reifen seinen Geist aufgab. Naja, immerhin hab ich dank dir und dem Maleur meinen Lauf hinter mir. Zehn Kilometer waren das bestimmt bis zu dir und zurück. Fehlt nur noch die Radstrecke und ich hab die olympische Distanz.“

Er grinste, fügte aber sorgenvoll hinzu:

„Du kriegst das hin mit der Reparatur, oder?“

Was soll ich groß erzählen: Ich lief ohne mich weiter aufzuregen zum nächsten Radladen und trabte mit einem Ersatzschlauch zum Unglücksort zurück. Das Ding zu wechseln war eine Sache weniger Minuten. Daniel jubelte, schwang seinen Megarucksack auf den Rücken, drückte mir einen Zwanziger nebst „Danke“ in die Hand und raste los, als läge eine Woche Sportpause hinter ihm. 

Ich nahm den nächsten Bus nach Hause. Per Laufschuh würde sich die Gesamtstrecke zu einem Halbmarathon summieren. Nur Daniel hätte daran seine helle Freude gehabt.

 

About Me

Rennrad fahren, schreiben und programmieren! Aus diesem Mix meiner liebsten Hobbys ist Paul Blaes hervorgegangen; was kann es Schöneres geben, als seine Vorlieben zu verbinden und auch noch andere daran zu erfreuen. Entstanden sind nicht nur satirische Onlinegeschichten über die Rennradelei, sondern auch ein Buch – inzwischen als Taschenbuch und E-Book, welches zu etwa einem Drittel exklusive Kapitel enthält. Darüber hinaus werden über diese Website Trainingsvideos angeboten, welche sich als Motivation für die Wintermonate auf Rolle, Spinningrad oder allen anderen Hometrainermöglichkeiten eignen. Diese Videos enthalten neben den schönsten Landschaften Europas (bisher Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich und Mallorca) – in der Hauptsache berühmte Pässe oder Bergstrassen – auch die Geodaten der Original-GPS-Aufzeichnung. Die ältesten Videos enthalten bereits Angaben zu den durchfahrenen Orten, der aktuellen Höhe, der Restkilometer und der Steigung. Je neuer die Aufnahme, desto mehr Technik wurde integriert, die neuesten Videos enthalten alle darüber hinaus Restzeit, Geschwindigkeit, Höhenmeter sowie bei besonders aufregenden Bergpassagen auch nur für diese Passagen Restzeiten und Höhenmeter. Und obendrein hat sich auch die Aufnahmequalität der Bilder enorm verbessert. Wer einmal sein Training mit so einem Video gestaltet, wird nicht mehr ohne wollen J

Ich wünsche viel Vergnügen auf allen Seiten von www.paulblaes.de!