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Kapitel 04: Hugo

Kurz bevor der Winter sich endgültig ankündigte, beschlossen wir an einem sonnigen Sonntag im November, auf die Räder zu steigen und eine letzte, ordentliche Runde zu drehen. Wir wollten uns richtig verausgaben und wählten Daniels Lieblingsstrecke, die Deisterrunde! Für Unglückliche oder Ausländer, die sie nicht kennen, äußere ich hiermit mein allerherzliches Beileid! Was sind schon Galibier, Mont Ventoux oder Tourmalet gegen unseren Deister! Ha, Katzendreck!

Es wurde eine fantastische Ausfahrt mit viel Lachen, wenig Wind, reichlich Sonne und kaum Verkehr auf guten Straßen, ein kaum vorstellbares Ideal für Rennradler. Am Mont Ventoux zum Beispiel unmöglich! Als wir auf dem Rückweg nicht mehr weit vom Ziel am Maschsee radelten, merkten unsere Beine, dass sie ein anständiges Stück Arbeit geleistet hatten. Es ahnte jedoch noch niemand, dass die größte Herausforderung des Tages noch folgen sollte. Und das kam so:

An einer Ampelkreuzung, etwa 10 Kilometer von unserem Ziel entfernt, mussten wir abbremsen. Daniel schnaufte wütend, wie immer, wenn er seinen Rhythmus unterbrechen musste, weshalb ihn Ampeln nur im „Notfall“, wie er sich ausdrückte, interessierten. Doch diesmal bemerkte er als Erster den winkenden Radkollegen am Straßenrand.

„Oh“, meinte er, sich zu uns umdrehend. „Ich glaub, der Kerl hat eine Panne. Lasst uns ihm helfen.“

Ich grinste, denn Daniel würde ihm kaum helfen können mit seinem nicht vorhandenen Technikverständnis. Doch John war ja dabei, und um ein Vorderrad zu halten genügte meine Geschicklichkeit.

„Hallo“, grüßte John freundlich. „Na, irgend etwas nicht in Ordnung?“

„Grüßt euch“, antwortete der Radler zurück. „Ja, kann nicht weiter, Sattel ist abgerutscht. Blöd.“

Er wies mit der Hand auf sein Rad, an welchem sein Sattel quer auf dem Rahmen hing. Ein sehr alter Rahmen, wie ich sehr schnell bemerkte, das Ding hatte dementsprechend kein Schnellspannerverschluß. Die Mutter musste sich gelöst haben und unser Freund war mitsamt Sattel hinabgerauscht. Keine schöne Vorstellung.

„Na, das haben wir gleich.“, meinte John, stellte sein Rad ab und kramte in seiner Werkzeugtasche. Daniel und ich lehnten unsere Gefährte an eine Hauswand.

„Hugo“, stellte sich der Kerl vor. Wir nannten ihm unsere Namen und betrieben Smalltalk. Ich stellte ihm dummerweise die Frage, warum er kein Werkzeug dabei hatte, nicht ahnend, was ich damit auslöste.

„Werkzeug? Ich?“, antwortete er darauf mit einer Miene, als hätte ich ihn nach einer rosa Handtasche gefragt. „Haha, hast Du ne Ahnung, was das wiegt? Werkzeug? Haben nur Looser, ohne Potential. Kein Gramm zuviel, Jungs, alte Weisheit von mir, merken! Deshalb: Carbon-Flaschenhalter.“

John war zum Glück noch an seinem Rad auf der Suche nach dem passenden Mutternschlüssel, sonst hätte er ihn wohl nach dieser Bemerkung gar nicht erst herausgeholt. Daniel und ich schauten auf Hugos Rad und ich wusste nicht, wie ich das, was ich da sah, deuten sollte. Tatsächlich, an seinem Stahlrahmen hatte sich der Kerl sündhaft teure Flaschenklemmer angeschraubt. Das Bemerkenswerteste war eine riesige Kiste an seinem Lenker. Bei genauerem Hinsehen bemerkte ich, dass Hugo sich einen Autonavi an sein Gefährt gebastelt hatte. Der Kerl bemerkte unsere Blicke und flötete in seiner Stakkatosprache:

„Jaaaa, Klasse Idee, ne?“ lobte er sich selbst und drehte das Rad in unsere Richtung. John, der gerade an sein Sattel wollte, flog der Mutternschlüssel mit lautem Klappern aus der Hand. Hugo kümmerte das nicht. 

„Ätzend, dieses Kartenrumgeschleppe, ständig anhalten und nach nem Weg schauen. Hab mir das Ding hier drangeschraubt. Den Halter  selbst gebastelt. Kabellage auch. Und hier...“, er wies nach unten, wo wir einen Dynamo entdeckten, der seinem Umfang nach eher für Treckerreifen konstruiert worden war! „...mein kleines Kraftwerk! Funktioniert bei Wind und Wetter und dem Navi geht nie der Saft aus. Na? Großartig, oder?“

Daniel bewegte den Kopf so, dass man es gleichzeitig als Kopfschütteln oder Nicken deuten konnte. Ich meinte, das Schütteln würde überwiegen, Hugo sah das sicher anders. Was hatten wir da für einen Fang gemacht? Hoffentlich war John bald fertig!.

Ich trat einen Schritt zur Seite, um eine kleine Familie passieren zu lassen. Die Frau schob einen Kinderwagen, während Papa einen kleinen Schreihals auf den Schultern trug. Als sie sich außer Hörweite befanden, meinte Hugo lästernd:

„Armer Kerl! Obwohl, selbst schuld.“

„Hm?“, brummte Daniel und bereute sofort, reagiert zu haben.

„Na, sich solche Dinger da, Kinder mein ich, ans Bein zu binden. Versteh ich nicht. Der würde doch an einem solchen Sonntag lieber Rad fahren. Oder Fußball spielen! Stattdessen musser mit der Tante da und seinen zwei Hosenkackern durch die Straßen tuckeln. Die nächsten 20 Jahre auch noch, wenn das man reicht.“ Er spuckte aus, doch ehe wir etwas erwidern konnten, redete er weiter:

„’N echter Kerl fährt tagsüber Rad und geht abends in die Stadt! Da wird eine abgeschleppt, gevögelt und am nächsten Tag vergessen. Dann klappt das auch ohne spießiges Familienleben. Oder, Jungs? Ihr seht mir nich so blöd aus, dass ihr ne Familie gründen würdet.“ Er lachte scheppernd.

„Wie hoch willst Du den Sattel eingestellt haben?“, fragte John, den Mutternschlüssel in der Hand. Seine Gesichtsfarbe hatte sich leicht verfärbt, dieses Mal hatte er alles mitbekommen.

„Bitte exakt 10,5 Zentimeter“, antwortete Hugo nebenher, ohne sich darum zu kümmern, wie John die Höhe ausmessen würde.

„Was… was ist denn das?“. Hugo drehte sich und trat zwei Schritte zurück und landete mit seinem linken Radschuh im Vorderrad von Daniels Schmuckstück. Mit lautem Knallen landete es auf dem gepflasterten Boden. Während Daniel hinsprang um zu retten, was noch zu retten war, wies Hugo auf mein Rad und sprach weiter, als ob er sein Malheur gar nicht bemerkt hätte.

„Ist das Deins, … äh... äh... wie heißt Du überhaupt?“

„Paul“, antwortete ich brav, um im selben Moment zu bemerken, dass wir uns vorhin bereits vorgestellt hatten.

„Ah, Paul. Dir gehört dies Dings hier? Aus`m Internet bestellt, was? Sieht man sofort. Armer Kerl, tust mir leid!“ Er schüttelte bedauernd mit dem Kopf, als ob er es aufrichtig meinte. „Hat keinen Sinn, weiß man doch! Erstens sind die Dinger zum Schreien hässlich und zweitens liegst Du mehr drunter als dass Du drauf sitzt. Wie ein Trabbi früher im Osten!“ Er kicherte über seinen Witz. „Mensch, Junge, kauf Dir n richtig gutes Rad. Wie das da.“

Er wies zur Seite auf Daniel, der gerade mühsam seinen Renner aufstellte. Daniel warf Hugo einen wütenden Blick zu, doch dieser hatte sich bereits zu mir umgewandt.

„Oder besser: Du machst auf Nostalgie wie ich! Muss natürlich gut gepflegt werden und kostet Dich paar Körner mehr! Aber damit hängst Du am Berg jeden ab! Merk Dir das, gutgemeinter Rat von mir.“

Ich war sprachlos. Das passiert mir selten, doch ich hatte keine Ahnung, was ich diesem Typen antworten sollte. 

„Fertig!“ rief John und riss mich aus meinen Grübeleien. „Bitteschön. Viel Spaß mit Deinem 'Nostalgierad' und schönen Tag noch.“

Anscheinend wollte auch er nicht eine Minute länger mit diesem Kerl auf demselben Breitengrad verbringen. Doch Hugo schien uns ins Herz geschlossen zu haben.

„Hey, Jungs. Hab heut zwar nich viel Zeit, wollte nur ne kleine Runde drehen. Aber wenn ihr nicht mehr allzu weit fahrt lasst uns zusammen noch ein paar Kilometer fressen. Ich könnte euch das eine oder andere beibringen!“

Die Wutpegel schienen überzulaufen, denn wir begannen alle drei gleichzeitig zu antworten, Daniels Stimme setzte sich schließlich durch und wir ließen ihn gewähren, denn es war kaum zu befürchten, dass er auf Hugos Wunsch eingehen würde:

„Das ist ne tolle Idee, Hugo, aber wir wollten heute eine richtig große Runde fahren. Werden noch viele Stunden unterwegs sein. Das wird Deine Zeit nicht zulassen.“ Daniel versuchte wirklich sein Bestes, aufrichtig zu klingen. Sogar ein „Wirklich Schade“ fügte er noch hinzu. Das hätte er wohl lassen sollen, denn Hugo, kurz ins Grübeln gekommen, hob den Finger als wäre ihm eine geniale Idee gekommen und meinte:

„Ach, wisst ihr, eigentlich habe ich Zeit. Ich wollte heute Abend in die Stadt ne Tussi aufgabeln. Wie gestern. Und vorgestern! Nöööö. Lasst uns unter Männern sein und radeln.“ Er strahlte. „Wo soll 's hingehen?“

Entsetzen breitete sich auf den Gesichtern meiner beiden Freunde aus. Doch was blieb uns anderes übrig? Der Kerl würde mitfahren, egal wohin wir uns wandten, so viel stand fest.

Wir fuhren los, Hannover, unser eigentliches Ziel, nun wieder im Rücken.  Hugo hängte sich sogleich ans Ende unserer Truppe, selbst John hatte keine Chance, sich an sein Hinterrad zu klemmen. Ich strampelte irgendwo dazwischen, während Daniel, getrieben von seiner Wut, vorn mächtig aufs Gas drückte. Die Tachonadel stieg und stieg und mir brannten die Beine. Noch vor einer halben Stunde hatte ich mich auf geruhsame letzte 10 Kilometer eingestellt und mich bereits auf die abendliche Portion Nudeln gefreut. Jetzt erzählte mir mein Pulsmesser irgendetwas von einem absolutem Maximum und blinkte merkwürdig rot, so hatte er sich noch nie verhalten. In meinem Hirn breiteten sich ganze Platten von Fleisch- und Pastagerichten aus. Ich hielt es nicht mehr aus und schrie Daniel zu, dass es genug sei. Ich konnte nicht mehr, Hugo hin oder her, es war mir egal.

Daniel stoppte so abrupt, dass wir fast alle ineinandergekachelt wären. John ging es sichtlich ähnlich dreckig, Hugo lächelte zwar breit, konnte aber seine ungesunde Gesichtsröte ebenfalls nicht verbergen.

„Ok, Klartext.“, zischte Daniel. „Hugo, wir sind schon den ganzen Tag unterwegs und wollen nur noch nach Hause. Wir drehen jetzt hier um und wünschen Dir noch viel Spaß auf Deiner Runde!“

Im Nu warf er sein Rad herum und ohne weiter abzuwarten fuhr er los. John und ich hängten uns sofort mit rein. Hugo zögerte kurz, dann folgte er uns zu unserem Schrecken. Er zog an uns vorbei, rief irgendetwas von „dass er uns hier nicht unserem Schicksal überlassen würde“ und drosselte neben Daniel das Tempo.

„Hey, Daniel, Du scheinst mir hier noch der Fitteste zu sein. Lass uns die beiden Jungs nach Hause führen. Die können nicht mehr.“ Tatsächlich setzte er sich an die Spitze. Für zwei Minuten. Vielleicht auch nur für eine, denn die Zeit bewegte sich zäh wie Asphalt in der Sommerhitze. Dann übergab er mit Gönnergeste an Daniel. Ich ließ eine Lücke, damit er vor mir einscheren konnte, doch er winkte uns vorbei und meinte, dass einer besser hinten aufpasst, dass nicht noch wer zurückfällt, ohne dass die Anderen es merkten.

So trotze Daniel den Rest des Tages dem Wind. Als wir am Maschsee ankamen radelten wir drei ohne Verabschiedung in verschiedene Richtungen. Zwei von uns retteten sich, der Dritte... war ich! Hugo hatte mich wohl als das am hilfebedürftigste Opfer auserkoren, was meine Zuneigung zu ihm nicht gerade förderte. Ich strampelte vergeblich vornweg, Hugo blieb an mir hängen wie eine Klette, und feuerte mich sogar an. Wortfetzen wie „Du schaffst es“ oder „Keine Angst, ich bin bei Dir, Paul“ brachten mich zur Weißglut. Vor meiner Tür hielt ich an.

„So, Hugo, ich bin da, Hilfe ist nicht mehr nötig, die Treppe rauf schaff ich es allein.“

„Ganz sicher?“ faselte er noch, doch ich hatte schon die Tür hinter mir ins Schloss geworfen und atmete tief durch.

Ein paar Minuten später ging ich eher beiläufig an eines der Fenster, die zur Straße zeigten. Ich sah Hugo noch unten stehen und unser Klingelschild studieren. Der Kerl war immernoch hier und schnüffelte! Schnell zog ich mich vom Fenster zurück und sah noch aus den Augenwinkeln, wie er herauf sah.

 

Am nächsten Morgen nach einer Nacht voller schlechter Träume, trat ich ängstlich aus dem Haus. Hugo war weg! So richtig beruhigen konnte mich das nicht.

 

About Me

Rennrad fahren, schreiben und programmieren! Aus diesem Mix meiner liebsten Hobbys ist Paul Blaes hervorgegangen; was kann es Schöneres geben, als seine Vorlieben zu verbinden und auch noch andere daran zu erfreuen. Entstanden sind nicht nur satirische Onlinegeschichten über die Rennradelei, sondern auch ein Buch – inzwischen als Taschenbuch und E-Book, welches zu etwa einem Drittel exklusive Kapitel enthält. Darüber hinaus werden über diese Website Trainingsvideos angeboten, welche sich als Motivation für die Wintermonate auf Rolle, Spinningrad oder allen anderen Hometrainermöglichkeiten eignen. Diese Videos enthalten neben den schönsten Landschaften Europas (bisher Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich und Mallorca) – in der Hauptsache berühmte Pässe oder Bergstrassen – auch die Geodaten der Original-GPS-Aufzeichnung. Die ältesten Videos enthalten bereits Angaben zu den durchfahrenen Orten, der aktuellen Höhe, der Restkilometer und der Steigung. Je neuer die Aufnahme, desto mehr Technik wurde integriert, die neuesten Videos enthalten alle darüber hinaus Restzeit, Geschwindigkeit, Höhenmeter sowie bei besonders aufregenden Bergpassagen auch nur für diese Passagen Restzeiten und Höhenmeter. Und obendrein hat sich auch die Aufnahmequalität der Bilder enorm verbessert. Wer einmal sein Training mit so einem Video gestaltet, wird nicht mehr ohne wollen J

Ich wünsche viel Vergnügen auf allen Seiten von www.paulblaes.de!