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Kapitel 05: Neujahrstag

Da war diese Silvesterparty. Ich wollte keine, aber Claudia meinte, wir wären dran gewesen. Als ob es irgendwo einen Plan gäbe nach dem Motto:

„Oh, Schatz, es ist 2005! Nach dem großen Silvester-Party-Plan sind wir dieses Jahr dran. Und dann wieder 2023!“

Ich hab nichts gegen Silvesterpartys, im Gegenteil. Aber irgendwann damals begann die Herrschaft von Claudia! Eingeladen wurde ihr ganzer Klatschclan, allen voran Klara. Ich besoff mich schon vor ihrem Eintreffen, die einzige Chance, das zu ertragen. Als ich die ersten Dinge doppelt sah, hätte ich aufhören können. Es trieb mich allein die Angst, nüchtern zu werden, bevor Klara gegangen war.

Die Nacht war fantastisch! Bitte den Sabber runterschlucken, DASS passierte nicht! Bei mir regte sich nichts mehr… außer meine Fantasie:

Ich träumte von diesem 7.500-EUR-Carbonrenner, den Harald in seinem Schaufenster ausgestellt hatte. In diesem einen Fenster seines Rundbaus namens Radladen, an welchem ich jeden Morgen auf dem Weg ins Büro vorbei dackelte. Das war doch Absicht von Harald, Daniels Hoflieferanten in allem, was mit Rennrädern oder Sportklamotten zu tun hat. Wenn Daniel nicht sein Kunde wäre, dann würde Haralds Porsche wohl für anderes Herrchen den Motor heulen lassen. Dementsprechend wurde man auch behandelt, wenn man nach einem Ersatzschlauch oder einem Ventil fragte.

Mitten aus diesem Traum reißt mich ein wahnsinniges Klingeln, gerade als ich Harald generös die 500er für das Bike auf den Tisch zähle.! Rrrrrring! Rrrrrring! Rrrrrring!

Eben noch dem Himmel so nah, änderte sich das von einer Sekunde auf die nächste. Ich begriff noch nicht, wo ich im Delirium lag, konnte jedoch die Kopfschmerzen nicht ignorieren… ach was, Kopfschmerzen, dieses Schädelhacken! Als säße mir ein Specht am Ohr! Muss irgendwann nach Neun Uhr gewesen sein, denn es wurde langsam hell. Ich rief Claudia zu, sie soll zur Tür, ehe Klara auch noch gegenhämmert. Es konnte nur Klara sein, diese fette Nervensäge! Ich vermutete, dass sie ihren kiloschweren Schminkkoffer vergessen hatte und ohne diesen völlig hilflos durch die Gegend rannte!

Zu meinem Erstaunen watschelte Claudia tatsächlich von dannen. Ich rollte mich zusammen, stopfte mit der Decke jedes noch so kleine Luftloch, denn es zog kalt, verdammt kalt! Ein Rekordwinter, und er hatte gerade erst begonnen! Sollte Klara darin erfrieren!

Jemand zog an meiner Schulter. Claudias Stimme schrie in mein Ohr, leider nicht das mit dem Specht, und ich schreckte hoch. Sie sprach ganz normal, wahrscheinlich befand sich der ganze Restalkohol in meinem Trommelfell.

„Mein lieber Schatz.“, säuselte sie und ich bekam es ob ihrer Worte mit der Angst zu tun. „Würdest Du bitte so freundlich sein und Dich um die netten Gäste, die uns so liebenswürdig mitten in der Nacht aus den Federn reißen, kümmern?“. Sie lächelte unselig. Dann schrie sie wirklich:

„Heb Deinen Hintern hoch!!! Irgendso ein Verrückter will zu Dir, da er Radklamotten anhat kannst nur du gemeint sein! Ach ja, die halbe Nachbarschaft steht vor der Tür. Teilweise bewaffnet. Mit Nudelhölzern und Suppenkellen! Sieh zu dass du das geregelt kriegst!“

Während sie wütend ins Bett kroch wankte ich heraus und versuchte, nicht hinzufallen. Ich schlurfte zur Tür und öffnete sie. Draußen standen tatsächlich einige unserer Nachbarn, mit denen wir uns bis zu diesem Tag sehr gut verstanden hatten. Die zornesroten Gesichter verrieten mir, dass diese glückliche Zeit der Vergangenheit angehörte. Doch als ob meine Furcht nicht schon groß genug gewesen wäre, entdeckte ich noch jemanden, den einzigen, der lächelte: 

Einem Michelinmännchen gleich, mit mindestens dreizehn Schichten Sportwäsche, in der Hand Helm, Radbrille und Wintermütze stand vor mir: Hugo!

„Los, Paul.“, rief er vergnügt über die Anderen hinweg. „Zieh Dir was über und mitkommen. Drehen wir ne Runde.“

Ich starrte ihn an. Mein Mund versuchte Worte zu formen, aber nichts war zu hören. Mir wurde klar, wie sich ein Fisch hinter einer Aquariumscheibe fühlt.

„Hier dreht niemand eine Runde!“, dröhnte die tiefe Bassstimme vom Rentner Meier aus dem ersten Stock. Der nette alte Mann, der für uns die Pakete entgegennahm. Das hatte nun ein Ende.

„Ich hätt gern eine Entschuldigung!“, kreischte Frau Rothschild, die eingebildete Ziege von gegenüber. „Der Kerl hat hier das ganze Haus zusammengeklingelt. Und das an Neujahr! Morgens! Ich fass es nicht!“

„Ey Paul, stell dir vor, so'n Pech!“, rief Hugo vergnügt. „Wusste ja deinen Nachnamen nicht. Auf 'Blaes' habe ich als Allerletztes getippt. Was solls, so verschläft keiner das neue Jahr, wär ja schade.“

„So eine Unverschämtheit.“, rief die aufgebrachte Menge.

„Was hat der Blaes nur für Freunde.“

„Ich war gerade erst eingeschlafen.“

„Ich hatte meine Alte nach Monaten endlich mal rumgekriegt, nu is aus mit Stimmung.“

„Ich saß grad auf dem Klo und dachte, es wäre vielleicht der Lottogewinn-Bote!“

Alles kreischte durcheinander und ich hob beschwichtigend die Hände.

„Es ist alles nur ein Missverständnis. Es tut mir sehr sehr leid. Der junge Mann ist geistig behindert und ich habe mich verpflichtet, mich um ihn zu kümmern, da er keine Angehörigen mehr besitzt.“

Betretenes Schweigen um uns herum. Alle schauten entweder nach unten oder zur Seite. Ich konnte kaum fassen, dass ich das tat, aber ich zog Hugo, der gerade protestieren wollte, unsanft in meine Wohnung. 

„Ich werde Ihnen allen eine Flasche Wein spendieren als Wiedergutmachung.“ rief ich meinen Nachbarn noch zu, ehe ich die Tür zuwarf. Ich drehte mich um und hoffte inständig, dass ich träumte. Hugo stand da! In meiner Wohnung!!! Er schien nicht einmal sauer, dass ich ihn soeben als behindert bezeichnet hatte. Im Gegenteil, er sah mich eher besorgt an.

„Ist denn mit Dir los? Siehst ja aus als hättest Du kaum geschlafen“, fragte er.

„Hatten gestern Silvesterparty“, stammelte ich. „Klara war hier… bin noch besoffen....“. Ich traute meinen Ohren nicht, was erzählte ich dem Kerl da? Ich schloss kurz die Augen um mich zu sammeln und fragte ihn in freundlichem Ton, jedes Wort einzeln betonend:

„Was   willst   du   hier?“

„Red ich chinesisch? Auf`s Rad mit dir und wir haben schon mal Trainingsvorsprung vor den anderen! Ist deine erste Saison, brauchst Training!“

Ich erinnerte mich verschwommen an dichtes Schneetreiben beim gestrigen Silvesterraketenschießen. Mein Blick fiel durch das Flurfenster nach draußen: Weiß! Alles weiß!

„Äh, es liegt Schnee draußen.“

„Äh, es liegt Schnee draußen“, äffte er mich nach. „Hör auf hier rumzustammeln. Will los. Durch Frischschnee kann man fahren. Lass uns das ausnutzen, eh das Zeug zu Eis wird.“

Er meinte es tatsächlich ernst!

„Warum ich?“, startete ich einen letzten verzweifelten Versuch. „Ich habe noch nicht mal drei Stunden geschlafen. Die Party…“

„Ach was Party. Hab sogar die rassige Schönheit, die ich gestern Abend aufgegabelt hab, wegen Dir liegengelassen. Zieh Dir was über, dann siehste aus wie ich, und los.“

Ich wollte auf keinen Fall aussehen wie er. Und auch nicht mit ihm losziehen. Ich hätte ihn viel lieber rausgeworfen. Doch mein Geisteszustand versagte völlig, der in Maßen vorhandene Restalkohol siegte und ich konterte lahm:

„Wir können heute nicht radfahren! Mir geht’s wirklich beschissen, aber davon mal ab, wie stellst Du Dir das vor?“

Grinsend schob er zwei Radreifen in mein Blickfeld.

„Hat mir mein Radhändler, Harald, gebastelt. Crossreifen fürs Rennrad. Mit Spikes!“

Ungläubig sah ich mir die Dinger an. Tatsächlich, da steckten Nägel drin. Und er war auch Kunde bei Harald. Der inzwischen vom Ferrari träumte.

„Und das soll funktionieren?“

„Klar, was denkste, wie ich hergekommen bin. Meine beiden Ersatzreifen haste gerade in den Fingern, zieh sie bei dir auf und los geht’s. Wenn wir ne anständige Runde schaffen kannste sie behalten.“

Ich ergab mich in mein Schicksal. Die Jungs würden mich umbringen, wenn sie hörten, dass Hugo wieder da war, aber ich war zu schwach, um dagegen anzugehen. Ich duschte und versuchte verzweifelt, den Alkohol abzusprühen. Immerhin verschwanden die Kopfschmerzen. Ich zog mir alle Radtextilien übereinander an, die ich besaß und stieg auf noch unsicheren Beinen die Treppen hinab in den Keller. Da stand mein Renner, mit dem ich in mein erstes richtiges Radjahr starten wollte! Ich träumte seit Wochen vom Sommer, irgendwohin, am liebsten in die Alpen. Da musste ich trainieren und vielleicht schickte mir Hugo der Himmel.

Bei diesem Gedanken machte mein Magen einen entsetzten Sprung und entleerte vor der Kellertür seinen Inhalt. Das half, ich fühlte mich wie befreit. Mit dem Rad über der Schulter trat ich aus dem Keller ins eiskalte Freie. Hugo wartete ungeduldig, und so machte ich mich ans Werk. Der Kerl tat nichts außer klugen Sprüchen. Ich fluchte, denn mir froren die Hände ein. Mit Handschuhen war`s zu fummelig.

„Geschafft“, rief ich eine halbe Stunde später und drehte mich triumphierend um. Niemand da. Hugo drehte eifrig Runden im Neuschnee.

„Geil, ist Training pur!“, brüllte er zu mir herüber und verlor fast die Balance. Ich schob meinen Renner in Position und stieg auf. Klatsch, eine Sekunde später lag ich im Schnee wie ein Maikäfer. Hugo lachte und zog mich hoch.

„Aufsteigen ist nicht ganz einfach, aber wenn du erst einmal oben bist, dann klappt das. Los, rauf mit dir!“

 

Und so kam es, dass ich meine ersten zwanzig Kilometer des Jahres durch Neuschnee erstrampelte. Mit Hugo! Das Jahr konnte nur besser werden!

 

About Me

Rennrad fahren, schreiben und programmieren! Aus diesem Mix meiner liebsten Hobbys ist Paul Blaes hervorgegangen; was kann es Schöneres geben, als seine Vorlieben zu verbinden und auch noch andere daran zu erfreuen. Entstanden sind nicht nur satirische Onlinegeschichten über die Rennradelei, sondern auch ein Buch – inzwischen als Taschenbuch und E-Book, welches zu etwa einem Drittel exklusive Kapitel enthält. Darüber hinaus werden über diese Website Trainingsvideos angeboten, welche sich als Motivation für die Wintermonate auf Rolle, Spinningrad oder allen anderen Hometrainermöglichkeiten eignen. Diese Videos enthalten neben den schönsten Landschaften Europas (bisher Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich und Mallorca) – in der Hauptsache berühmte Pässe oder Bergstrassen – auch die Geodaten der Original-GPS-Aufzeichnung. Die ältesten Videos enthalten bereits Angaben zu den durchfahrenen Orten, der aktuellen Höhe, der Restkilometer und der Steigung. Je neuer die Aufnahme, desto mehr Technik wurde integriert, die neuesten Videos enthalten alle darüber hinaus Restzeit, Geschwindigkeit, Höhenmeter sowie bei besonders aufregenden Bergpassagen auch nur für diese Passagen Restzeiten und Höhenmeter. Und obendrein hat sich auch die Aufnahmequalität der Bilder enorm verbessert. Wer einmal sein Training mit so einem Video gestaltet, wird nicht mehr ohne wollen J

Ich wünsche viel Vergnügen auf allen Seiten von www.paulblaes.de!