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Kapitel 06: Steuerzahler

Zeitiges Frühjahr. Unser Kilometerstand: Null!

Abgesehen vom kleinen Vorsprung Pauls aus seiner Schneetour an Neujahr. Und sicher hatte auch unser Meistersportler die eine oder andere Spinningstunde hinter sich, auch wenn er das nie zugab und von vielen Krankheiten und wenig Zeit faselte. Daniel hatte die Angewohnheit, sich kaum blicken zu lassen, es sei denn, es ging um Sport.

Als die Sonne endlich zurückkehrte zählten wir jeden Wassertropfen der kleiner werdenden Eiszapfen und trafen uns endlich an einem Sonntag Anfang März zur ersten Ausfahrt. Zu viert ging‘s los: Daniel, Paul und meine Unsportlichkeit. Und Archibald konnten wir überreden. Archibald war ein Busenkumpel Daniels, sein Gegenbild im Spiegelkabinett, wie Pat und Patterson. Wir mussten unserem Dicken versprechen, dass die Tour nicht zu groß würde und wir uns seinem Tempo anpassten. Am liebsten wäre er gemütlich zweimal um den Maschsee geradelt, doch nach harten Verhandlungen einigten wir uns auf eine kleine Ausfahrt in Richtung Gehrdener Berg, mit rund 150 Metern die höchste Erhebung im unmittelbaren Umfeld unserer Heimatstadt.

Wir nahmen uns fest vor, unser Versprechen zu halten, auch wenn wir ahnten, dass der Dicke uns am Ende verfluchen würde, weil wir den Hügel dreimal fahren wollten. Er ist eine Seele von Mensch, man konnte ihm nie böse sein. Schon gar nicht, wenn er uns am Abend nach einer Ausfahrt mit einem köstlichen Nudelgericht verwöhnte. Denn kochen konnte keiner so wie er, nicht einmal Paul, dem sonst die Frauenrolle zukam, wenn wir unter uns waren.

Endlich frei! Wir radelten gemütlich die Landstraße entlang, in Zweierreihe über große Ziele in dieser Radsaison quatschend. Bis Archibald damit anfing, vom Essen zu erzählen. Wie er doch neulich diesen Entenbraten… und die Woche davor das Rinderfilet… mit den Austernpilzen…

Daniel trat energisch in die Pedale. Wir anderen folgten ihm auf der Stelle, bis Archibald anfing zu japsen und reißen lassen musste.

„Hältst Du jetzt die Klappe?“, rief Paul und grinste. „Ich hab grad mal zwei Müsliriegel mit und Du erzählst hier was von irgendwelchen gebratenen Enten!“

Hinter uns hupte jemand von Sinnen. Wir schraken alle vier zusammen und plötzlich bremste neben uns ein Volvo mit heruntergeleiertem Fenster. Ein Kerl Marke Bauer streckte seine rote Birne hinaus und schrie uns wütend aus vollem Halse entgegen:

„Von meinen Steuergeldern ist dieser verdammte Radweg gebaut worden. Verpisst euch von der Straße und fahrt da drauf.“

Trat aufs Gas und brauste los. Daniel schaltete als erster und raste hinterher. Paul folgte in einigem Abstand, während Archibald nicht hinterher konnte und ich nicht wollte. Vergnügt verfolgten wir die kurze und aussichtslose Jagd, bis die Beiden das auch erkannten und die Beine hochnahmen.

„So ein Arschloch!“ schimpfte Daniel, als wir ihn endlich einholten. Keiner vermochte es, Daniel zu beruhigen, als Archibald vorschlug, im nächsten Dorf in einer Schenke, die er kannte, eine Pause zu machen. Jeder dachte augenblicklich an Archibalds Kochgeschichten und war der Meinung, keine drei Kilometer mehr ohne Nahrungszugabe durchzuhalten.

Glücklich führte uns Archibald in das besagte Gasthaus und wir machten es uns gemütlich.

„Was solls“, sagte Paul. „Es ist unsere erste Ausfahrt, da müssen wir das Ganze langsam angehen.“

„Ja“, meinte ich zustimmend, während mir das Wasser im Munde zusammenlief beim Anblick der Speisen auf der Karte. „Und wir müssen auf Archibald Rücksicht nehmen. Er muss halt öfters essen und hält nicht so lange durch wie wir.“

Großes Gelächter, als Daniel mit dem Finger in die Ecke wies und flüsterte:

„Ich glaubs nicht! Bitte nicht umdrehen, da sitzt dieser Hugo!“

Und wirklich, an einem Tisch hinten im Schatten saß unser Albtraum und amüsierte sich mit einer Dorfschönheit.

„Ich fass es nicht! Der Typ muss uns riechen.“, zischte Paul.

„Immerhin scheint an seinen Frauengeschichten was dran zu sein.“, grinste ich und sah ein wenig zu lang in seine Richtung, denn plötzlich erhob er sich und schlenderte zu uns herüber.

„Hab euch schon vom Fenster aus gesehen.“, meinte er verschmitzt. „Ist ja klasse, dass ihr uns besuchen kommt. Darf ich vorstellen? Meine Schwester Cindy.“

Augenblicklich verflog unsere Geilheit in alle Winde, außer vielleicht bei Archibald, der noch nicht ahnte, was ihm hier gerade begegnete.

„Großartig, euch hier zu treffen. Wird Zeit, dass ihr mal wieder auf die Räder kommt. Hab bestimmt schon zweitausend Kilometer in den Beinen, alles in der Gegend erradelt. Von euch hab ich hier keinen gesehen..“

„Wenns nach mir geht, überlege ich, aufs Radfahren zu verzichten, wenn der Kerl mir hier immer begegnet“, brummte Daniel gerade noch hörbar.

Hugo setzte sich ohne zu fragen auf den einzigen noch freien Stuhl.

„Jungs, ich lad euch ein. Der Laden gehört mir, da will ich nicht so sein.“

„Äh, ich kenn den Besitzer...“, begann Archibald, doch Hugo lachte und fragte, was wir wollten.

Wir beschlossen uns zu fügen, immerhin gab's frei Futter. Hugo bestellte für alle Bier. Paul erbat sich eine Apfelschorle und faselte irgendwas von „Fitness“ und „Bier ist nicht so gut“. In Wahrheit vertrug er den Göttertrank nicht, er bekam davon immer Ausschlag am Hintern und konnte sich auf keinen Sattel mehr setzen. Machmal tat er uns leid, meist sorgte unser Gespött aber für Zornesfalten in seinem Gesicht.

Als der Wirt uns ungefragt 5 Currywürste hinstellte wars mit den guten Vorsätzen vorbei.

„Hey, lass uns jetzt sündigen und nachher doch zum Deister fahren“, schlug Daniel vor. Der Deister ist unser Trainingsberg, knapp 200 Höhenmeter pro Auffahrt, ein niedersächsisches Matterhorn, aber im Gegensatz zum Original mit Rad befahrbar, liebe Schweizer!

„Äh, ich bin einverstanden. Naja, nicht ganz. Lass uns lieber den Deister fürs die nächste Ausfahrt aufheben und paarmal den Gehrdener Berg fahren“, schlug ich vor.

Paul grinste und meinte, dass einmal auch genügen würde, während Archibald dafür war, nach dem Essen maximal wieder nach Hause zu radeln, sofern hier kein Bus fuhr.

Plötzlich hob Daniel die Hand und zischte:

„Still! Seid für einen Moment ruhig.“

Er sah angestrengt aus dem Fenster. Wir folgten seinem Blick und ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Draußen hielt derselbe Volvo, der uns vorhin auf der Straße überholt hatte. Dieses Mal führte er einen Anhänger mit sich, vollbeladen mit diesen Solardingsmodulen. Und aus der Kiste stieg: Unser Steuerkarl! Ich hatte Hugo zum Dank für die Currywürste die Geschichte erzählt und wir einigten uns auf diesen Taufnamen.

Steuerkarl stand vor seinen Solarmodulen und schien auf jemanden zu warten.

‚Nun sieh mal einer an“, dachte ich bei mir. ‚Wenn mich nicht alles täuscht, wird dieser ganze Solarkrams doch schön vom Staat subventioniert.‘

Und so kam ich auf eine Idee. Alle waren einverstanden. Hugo sollte die Hauptrolle spielen, und ich dankte Gott, dass wir ihn getroffen hatten, hier war der Typ Gold wert. Er erhob sich, während wir anderen gemütlich sitzen blieben, und schlurfte zur Tür. Vor dieser stellte er sich nicht weit von Steuerkarl auf und zündete sich eine Zigarette an. Wie zufällig fiel sein Blick auf die Solarmodule. Er stutzte kurz, dann sprach er Steuerkarl an:

„Hey Meister. Was`n das?“, er wies auf den Anhänger.

„Solarmodule“, antwortete Steuerkarl nicht ohne Stolz. „Damit kann...“

„Was können die?“, unterbrach ihn Hugo.

„Langsam, langsam, das wollte ich gerade erklären. Also man braucht dafür ein Dach...“

„Man braucht eins aufs Dach? Was, mit den Dingern? Tut das nich weh?“, Hugo tat entrüstet.

„Guter Mann, hören Sie mir doch zu. Man kann die Solarmodule auf ein Dach montieren und...“

„Ah, Sie sind Monteur. Ist hart, oder? Immer auf Montage sein. Kenn ich von meinem Onkel Rudi, der is ständig weg. Sind Sie jetzt hier grad auf Urlaub?“

„Äh....“

„Sie wollten mir doch erklären, wozu die Solardings da gut sind und nicht von Ihrem Urlaub reden.“. Hugo zog alle Nerv-Register. Wir krümmten uns vor Lachen im Hintergrund.

„Wollen Sie das überhaupt wissen?“, sagte Steuerkarl genervt.

„Würde ich sonst fragen?“, antwortete Hugo lammfromm.

„Also gut, aufs Dach mit den Dingern und dann Sonnenenergie einfangen. Zum Heizen oder so.“

„Gibt’s Heizungen, wozu die Mühe?“ meinte Hugo gelangweilt.

„Ja, aber die kosten viel mehr. Außerdem verrat ich Ihnen mal was: Der Strom, der übrig bleibt, den können Sie verscheuern für ordentlich Kohle.“

Wie auf Kommando traten wir alle vier aus der Türe und sagen im Chor:

„… und alles von unseren Steuergeldern…!“

Aus vollem Halse lachend stiegen wir auf unsere Räder, während Hugo dem verdutzten Steuerkarl auf die Schulter klopfte und meinte:

„Nichts für ungut, Alter, aber nächste Mal, wenn du meine Radjungs triffst einfach Fresse halten, klar?“

Wir verabschiedeten uns von Hugo und Cindy, die Archibald noch ein Küßchen gab, was den Dicken dazu brachte, die nächsten 200 Meter Führungsarbeit zu leisten. Und Hugo hatte einen gut. Paul ließ sich sogar dazu hinreissen, ihn für die nächste Ausfahrt einzuladen, was ihm von Daniel einen bösen Blick einbrockte.

 

Und wir fuhren noch den Gehrdener Berg rauf, nur einmal zwar, aber so schaffte es auch unser Dicker.

 

About Me

Rennrad fahren, schreiben und programmieren! Aus diesem Mix meiner liebsten Hobbys ist Paul Blaes hervorgegangen; was kann es Schöneres geben, als seine Vorlieben zu verbinden und auch noch andere daran zu erfreuen. Entstanden sind nicht nur satirische Onlinegeschichten über die Rennradelei, sondern auch ein Buch – inzwischen als Taschenbuch und E-Book, welches zu etwa einem Drittel exklusive Kapitel enthält. Darüber hinaus werden über diese Website Trainingsvideos angeboten, welche sich als Motivation für die Wintermonate auf Rolle, Spinningrad oder allen anderen Hometrainermöglichkeiten eignen. Diese Videos enthalten neben den schönsten Landschaften Europas (bisher Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich und Mallorca) – in der Hauptsache berühmte Pässe oder Bergstrassen – auch die Geodaten der Original-GPS-Aufzeichnung. Die ältesten Videos enthalten bereits Angaben zu den durchfahrenen Orten, der aktuellen Höhe, der Restkilometer und der Steigung. Je neuer die Aufnahme, desto mehr Technik wurde integriert, die neuesten Videos enthalten alle darüber hinaus Restzeit, Geschwindigkeit, Höhenmeter sowie bei besonders aufregenden Bergpassagen auch nur für diese Passagen Restzeiten und Höhenmeter. Und obendrein hat sich auch die Aufnahmequalität der Bilder enorm verbessert. Wer einmal sein Training mit so einem Video gestaltet, wird nicht mehr ohne wollen J

Ich wünsche viel Vergnügen auf allen Seiten von www.paulblaes.de!