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Kapitel 07: Schminkkoffer

Meine liebe Ehefrau. Was täte ich nur ohne sie? Wahrscheinlich mehr radfahren, mehr Alkohol trinken, öfters mit den Jungs rumhocken und mehr Sex haben. Oder weniger, wenn ich an meine Anmachqualitäten denke. Mit Sicherheit aber keine Schminkkoffer durch die Gegend fahren! Wie das kam, sollt ihr mit der folgenden Geschichte erfahren:

Claudia spielte Laientheater. Leidenschaftlich. Ob leidenschaftlich auch gut bedeutet wage ich nicht zu beurteilen, aus Angst vor der Scheidung. Nachher erhebt sie noch Anspruch auf mein Rennrad. Oder ihr neunmalkluger Anwalt.

Eines Tages kam sie nach Hause und erzählte mir begeistert beim Abendessen von DER CHANCE, die da heute an sie herangetragen worden sei: Irgend ein Typ hätte ihr zugesäuselt, dass er sie auf der Bühne gesehen habe. Begeistert sei er gewesen und sie wäre die ideale Besetzung der „grünen Erna“ beim großen Bauernlaienspiel im nächsten Kuhdorf irgendwo bei Hannover. Ich täuschte Enthusiasmus nicht nur vor, konnte das doch ein freies Wochenende bedeuten. Nur dieser Typ störte mich. Vermutlich hatte er ihr unter den Rock gelinst, als er ihr aus der ersten Reihe zuschaute. Meist gab es nur eine besetzte Reihe. Aber ich wollte Claudia nicht die Freude vermiesen, also fuhr ich sie sogar einen Samstag-vormittag durch Hannovers Second-Hand-Läden, damit sie sich mit passenden Kostümen eindecken konnte.

Den Jungs hatte ich bereits Signal gegeben, dass der nächste Sonntag Radtag werden konnte! Wir planten einen Ausflug in Richtung Weserbergland. Das erste Mal in diesem Jahr etwas hügeliger. Es wurde Montag, darauf folgte in jener Woche ein Dienstag und die Aufregung wuchs. Genauso wie meine Halsschmerzen, die über mich herfielen und mich die nächsten drei Tage ans Bett fesselten. Die Radausfahrt hatte sich erledigt. Samstag gab es noch einen Rest Hoffnung, doch ein Test auf dem Hometrainer überzeugte mich, dass ich mir am Sonntag lieber das Formel1-Rennen reinziehen sollte.

Sonntagmorgen: Claudia sauste hypernervös ab 5 Uhr durch die Wohnung, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Ihr Koffer stand gepackt vor der Wohnungstür, doch der Kleiderschrank im Schlafzimmer und das bedeutete bei gefühlten zwölf Umentscheidungen, dass ich schließlich aufstand und den Anblick der Sterne genoss.

Gegen halb sieben himmlische Ruhe: Sie war weg! Ich aß zwei Toast und las Zeitung. Das dauerte eine Stunde. Eine weitere überlegte ich, was ich tun sollte. Bis zum Formel1-Start waren es noch sechs Stunden!!! Da bimmelte mein Handy, SMS. Wahrscheinlich Daniel, dass sie jetzt losfahren und ich nicht bei jedem Wehwehchen schlappmachen sollte. Ich schaute aufs Display: Claudia! Klick auf „Öffnen“ und ich las:

„Habe meinen Schminkkoffer im Flur auf der Kommode vergessen!“

Das wars! Ich bedauerte sie kurz und legte das Handy weg. Schon dumm, ohne ihren Schminkkoffer.

Ich schaltete den Fernseher ein. Durchzappen. Großartiges Programm.

„… im Flur auf der Kommode …“

Warum schrieb sie das so exakt? Sie hätte nur schreiben brauchen, dass sie ihren Schminkkoffer vergessen hat.

Die Gedanken rasten durch mein Hirn. Jetzt keinen Fehler machen! Warum schrieb sie mir das überhaupt? Konnte ich jetzt etwas daran ändern? Sie hatte das Auto, ein zweites besaßen wir nicht und sie befand sich irgendwo ein gutes Stück von Hannover entfernt.

Ich zappte weiter. Mir kam in den Sinn, wie sie heute Abend reingeschneit kommen würde. Ich bekäme alles ab, natürlich war ich schuld. Wenn ich schon so zeitig aufstehe, hätte ich ja mal mit gucken können, ob noch was im Flur steht. Wahrscheinlich würde sie perfekt gestylt aussehen, aber natürlich bildete ich mir das nur ein, in Wirklichkeit sei alles verschmiert und nur ihr Schminkkoffer hätte Rettung bedeutet. Früher war alles besser, da gabs edle Ritter, die der Dame ihres Herzens jeden Wunsch erfüllten und Schminkkoffer durch halb Europa schleppten. Vor meinem geistigen Auge galoppierten Heerscharen von Rittern in vollen Rüstungen mit Schminkkoffern über die Alpen und Pyrenäen. Damals erlangten Alpe d`Huez und Tourmalet Berühmtheit bei Wettkämpfen um den schnellsten Schminkkofferträger.

Die Sache war klar: Ich musste ihr das Ding bringen! Wo ist die nächste Karte? Ich überlegte; Sie hatte mir dieses Kaff genannt, wo diese Bauernfeier stattfinden sollte, wie hieß das noch? Ich suchte auf der Karte und ja, ich stieß mit dem Finger direkt drauf, so ein Glück. Wie weit? Ich rechnete und zählte, und kam auf 48 Kilometer. Eine Strecke. Zum Glück flach. Nach Herrn A. Riese 96 Kilometer insgesamt. Soviel war ich noch nie am Stück mit dem Renner gefahren. Und vorgestern lag ich noch mit Grippe im Bett. Puh, wenn das nicht unvernünftig war. Ich hörte Claudias Worte in meinen Ohren: „Sei nicht unvernünftig! Kurier Dich aus! Und danach ne Woche Erholung. Vorher kannst Du nicht aufs Rad! Du gefährdest Deine Gesundheit… es sei denn, es geht um Leben und Tod!

… oder meinen Schminkkoffer!“

Eine Viertelstunde später saß ich auf dem Rad. Auf dem Rücken einen Trekkingrucksack, darin in trauter Zweisamkeit Regenjacke und Schminkkoffer. Die Jacke war eigentlich überflüssig, es sollte schön werden, hatte mir wetter.com noch verraten. Doch die Erfahrung lehrte mich: Einen Guss kann es immer geben, allerdings nur dann, wenn man keine Regenjacke dabei hatte! Alte Radfahrerweisheit. Heute allerdings schien sie unnötiger Ballast zu sein, vielleicht hätte ich lieber Sonnencreme einstecken sollen. Herrlicher Tag!

Mit dem Ortsausgangsschild begann der große Regen! Ich fluchte, hielt an und zog mir das Ding über. Noch 30 Kilometer, das Wasser triefte mir durch den Helm. Clever auch die Entscheidung, dunkle Gläser in die Fassung der Radbrille zu stecken. Ich sah fast nichts mehr, überholende Autos bemerkte ich am Wasserschwall, den sie über mich ergossen. Noch 15 Kilometer. Sollte ich umdrehen? Bei dem Wetter würde das Bauerntheater-Open-Air sowieso ausfallen, da halfen auch keine Schminkkoffer mehr!

Noch 10 Kilometer. Der Regen hörte schlagartig auf! Als hätte es ihn nie gegeben!

Noch 5 Kilometer. Ich ziehe die Regenjacke aus und schütte mir das ganze Wasser über das trockene Trikot. Sinnvoll, so eine Jacke, sie schützt vor Nässe! Einer innere Eingebung folgend stopfe ich die Jacke in die Trikottasche. Warum? Eine klitschnasse Regenjacke im Rucksack auf Claudias Schminkkoffer? Das hätte sie mir nie verziehen!

Kuhdorf! Ich bin da! Auf einer Festwiese tummelt sich schon einiges Volk. Ich rolle in Richtung Bühne und tatsächlich, inmitten einer Herde Gleichgesinnter steht Claudia und: Schminkt sich!!! Im selben Moment sieht sie mich. Sie wendet sich an einen Typen mit Rastafrisur und Mittelalterkluft und gestikuliert, ab und zu auf mich zeigend. Dann kommen die beiden auf mich zugerannt.

„Hast lange gebraucht“, waren Claudias freundliche Worte, als sie mir den Schminkkoffer entreißt.

Ein ‚Danke‘ erhielt ich auch, aber nicht von Claudia, die schon wieder auf ihrem Schemel saß, sondern von Dieter, dem Typen, der noch eine Weile bei mir rumstand und mir stolz erzählte, dass er derweil mit seinem Kajalstift ausgeholfen hatte, er aber kein matt violettes Rouge dabeihätte, was Claudia so gut stünde.

Einigermaßen beruhigt, dass von diesem Weihnachtsmann keine Gefahr drohte, drehte ich um und radelte zurück. Ab Kilometer 75 tat mir der Hintern weh als ritte ich auf einem Sandpapier-Sattel. Wie ich das letzte Stück geschafft habe weiß ich nicht mehr, irgendwie kam ich irgendwann nach Hause. Den Formel1-Start verpasste ich natürlich, aber Schumi war gleich in der ersten Kurve ausgeschieden und so schlief ich selig vor dem Fernseher ein.

 

Epilog:
Abends hatte ich Glück: Claudia kam zurück, freudestrahlend, weil sie donnernden Applaus bekommen hatte und beim nächsten Bauernfest wieder die „grüne Erna“ spielen sollte. Ich konnte es kaum glauben! Nein, nicht das mit der Rolle, sondern das Essen, dass sie mir als Dankeschön auf den Tisch stellte: Nudeln mit ungarischem Gulasch, meine Leibspeise! Manchmal haben Frauen auch ihr Gutes.

 

About Me

Rennrad fahren, schreiben und programmieren! Aus diesem Mix meiner liebsten Hobbys ist Paul Blaes hervorgegangen; was kann es Schöneres geben, als seine Vorlieben zu verbinden und auch noch andere daran zu erfreuen. Entstanden sind nicht nur satirische Onlinegeschichten über die Rennradelei, sondern auch ein Buch – inzwischen als Taschenbuch und E-Book, welches zu etwa einem Drittel exklusive Kapitel enthält. Darüber hinaus werden über diese Website Trainingsvideos angeboten, welche sich als Motivation für die Wintermonate auf Rolle, Spinningrad oder allen anderen Hometrainermöglichkeiten eignen. Diese Videos enthalten neben den schönsten Landschaften Europas (bisher Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich und Mallorca) – in der Hauptsache berühmte Pässe oder Bergstrassen – auch die Geodaten der Original-GPS-Aufzeichnung. Die ältesten Videos enthalten bereits Angaben zu den durchfahrenen Orten, der aktuellen Höhe, der Restkilometer und der Steigung. Je neuer die Aufnahme, desto mehr Technik wurde integriert, die neuesten Videos enthalten alle darüber hinaus Restzeit, Geschwindigkeit, Höhenmeter sowie bei besonders aufregenden Bergpassagen auch nur für diese Passagen Restzeiten und Höhenmeter. Und obendrein hat sich auch die Aufnahmequalität der Bilder enorm verbessert. Wer einmal sein Training mit so einem Video gestaltet, wird nicht mehr ohne wollen J

Ich wünsche viel Vergnügen auf allen Seiten von www.paulblaes.de!