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Kapitel 08: Göttingen - Pauls erstes Rennen

Tour d'Energie in Göttingen. Was soll das denn sein? Eine Wanderung rund um die einheimischen Stadtwerke? Oder eine kostenlose Fahrt mit dem neuesten Erdgas-Bus? Nein, so schimpft sich Niedersachsens erster Jahreshöhpunkt für Rennradler.

Und wenn man Daniel, der das Rennen als Einziger von uns bereits ein paarmal gefahren war, Glauben schenken soll, macht das berühmt-berüchtigte Aprilwetter um das Göttingen-Wochenende stets einen großen Bogen, denn Göttingen-Energie bedeutete Sonnengarantie. Ich schenkte den trüben Wettervoraussagen aus Internet und Fernsehen keinen Glauben, denn Daniels Meinung war Gesetz. Und so trat ich Sonntag-morgen in aller Frühe in Rennfahrerkluft aus dem Haus und konnte es kaum glauben: Die Straßen glitzerten noch leicht nass vom nächtlichen Regen, doch am Himmel keine Wolke, die Sonne ging gerade auf.

Ich stand pünktlich vor der Haustür. Eine Stunde zuvor hätte ich das nicht für möglich gehalten, die Aufregung hatte in ihrer Güte für einen kräftigen Durchfall gesorgt, so dass ich nach dem dritten Klogang beinahe absagte. Inzwischen schlief mein Gedärm selig und ich wartete auf Hugo.

Ja, auf Hugo. Dank meiner Gutherzigkeit, wegen einer geschenkten Currywurst unseren neuen Radkollegen zum Rennen einzuladen, hatte ich fast die Freundschaft Daniels und Johns aufs Spiel gesetzt. Die beiden redeten ein paar Tage nicht mit mir, bis Hugo mitteilte, dass er selbstverständlich seinen Kleinbus zur Verfügung stellen würde. Supermodern und nagelneu sollte die Kiste sein und wir glaubten ihm, auch wenn sich nachher keiner erklären konnte, warum.

Statt Hugos Superbus erreichte mich eine Viertelstunde nach verabredeter Zeit ein Handyanruf:

„Hey Paul, wir müssen mit euren zwei Autos fahren.“, flötete Hugos Stimme aus meinem Telefon. „Der Bus ist leider soeben abgeholt worden, irgendwas am Motor.“

Mir fiel seine Schrottkiste auf zwei Rädern ein, mit der er durch die Gegend radelte. Entweder es gab überhaupt keinen Bus oder es war wahrscheinlich beim Versuch, das Ding anspringen zu lassen, der Motor durch den Unterboden gerauscht.

Hektisch belud ich meinen kleinen Honda und informierte John über Hugos neuesten Streich. Zum Glück hatten wir wegen dem Flickenteppich A7 in weiser Voraussicht genug Zeit eingeplant, dass wir einigermaßen pünktlich in Göttingen eintrafen. Hugo plapperte die ganze Fahrt über, bis ich auf die Idee kam, das Autoradio auf volle Lautstärke zu stellen, das schaffte er nicht zu übertrumpfen. Dass meine Ohrenfunktionen für die nächsten Stunden komplett aussetzten war mir die Sache wert.

John und Daniel warteten schon auf uns. Überraschend gutgelaunt begrüßten sie nicht nur mich, sondern auch Hugo. Der Grund sollte sich schnell zeigen, die beiden hatten bereits unsere Startnummern abgeholt.

„So, hier die Starterbeutel, schauen wir doch mal, wer sich wo einreihen darf.“, sagte Daniel mit einer Miene, als verteilte er gerade Weihnachtsgeschenke. „Ah, John, Du bist in Startblock E. Und Paul auch, Glückwunsch, ist dein erstes Rennen und gleich in E, nicht schlecht! So, hier haben wir ein B, das könnte Hugo sein...“

Hugo lächelte wissend und streckte die Hand aus. Daniel fuhr fort:

„Oh, nein, entschuldige, das ist meine Nummer. Dann muss deine hier in der vierten Tüte sein. Warte...“, umständlich kramte er in dem Stoffbeutel herum. „Da haben wirs.“

Er stutzte.

„Hugo, also … äh… es tut mir leid, ich lese hier leider ein 'G'! Das ist ja ganz am Ende. Du startest im allerletzten Block.“

Wir konnten uns ein Lachen nicht verkneifen. Hugo reagierte erstaunlich gelassen und so verpuffte unsere Schadenfreude schnell. Der Kerl verhielt sich dauernd anders als man dachte. 

Neugierig kramte ich in meinem Startbeutel: Nummer und Transponder, klar, aber es tauchte auch eine Trinkflasche und ein Powergel heraus. Den ganzen Werbekram entsorgten wir in der längst überfüllten Mülltonne auf dem Parkplatz. Fast wäre auch meine Nummerntüte im Müll gelandet, so unscheinbar wirkte sie. Ich zog heraus: Eine Nummer fürs Trikot, eine für den Lenker und zwei Aufkleber für den Helm. Brav klebte ich die Dinger an meinen Kopfschutz als mir Daniel viel Glück wünschte für später nach dem Rennen, wenn ich ein paar Stunden brauchen würde, die Aufkleber abzubekommen. Er warf seine auf den Werbe-Müllberg mit der Info, dass diese Helmnummern nur für die Fotofritzen auf der Strecke gut seien und ich dankte ihm von ganzem Herzen, dass er mir das nicht vorher gesagt hatte.

Wir schoben unsere Räder in Richtung Start, Daniel vornweg, Hugo spielte das Schlusslicht. Er benahm sich ungewöhnlich wortkarg, hatte ihn die Startnummerngeschichte doch mitgenommen? Als wir an den Startblöcken vorbeimarschierten auf der Suche nach den hinteren Reihen, meldet er sich zu Wort.

„Jungs, viel Spaß beim Rennen. Starte hier.“ Er wies auf die große Gruppe der A-Starter, die nervös mit den Radschuhen scharrten.

„Äh, du hast den Startblock auf der entgegengesetzten Seite des Feldes“ grinste ihn Daniel hämisch an.

„Ein Hugo fährt niemals hinten, lieber Freund“, sagte er ernst. „Wünsche euch ein gutes Rennen!“ Er drehte sich um und wir trauten unseren Augen nicht. Mit einem dicken, schwarzen Edding war das grosse „G“ durchgestrichen und darüber hatte er ein nicht zu übersehendes „A“ gemalt! Ich sah fassungslos zu Daniel herüber, der nur mit dem Kopf schütteln konnte. John brach in schallendes Gelächter aus. Wir verfolgten Hugo noch eine Weile, und sahen, dass ihn zwar niemand aufhielt, aber auch im Block einer nach dem anderen bemerkte, was sich da hinzugesellte. Einige lachten, andere zeterten, Hugo juckte weder das eine noch das andere, stolz stand er mit seinem Rad aus den Achtzigern mitten im Pulk der Siegambitionierten.

Vergnügt zogen wir von dannen. Daniel verabschiedete sich von uns, immernoch mit Tränen in den Augen, in Startblock B und meinte, dass er versuchen würde, Hugo nicht vor dem Göttinger Ortsausgangsschild zu überholen.

John und ich suchten nach „E“ und reihten uns ein. Vor und neben uns aufgeregtes Geschnatter, im Grunde wiederholte sich von allen Seiten ein und derselbe Dialog in verschiedenen Facetten:

„Und, biste fit?“

„Nee, hab kaum trainiert dieses Jahr.“

„Warum nicht?“

„Irgendwie Pech, erst Krankheit A, dann Krankheit B und so viel Stress... bin kaum aufs Rad gekommen.“

„Ich auch nicht, gerade mal 1500 km in den Beinen!“

„Waaas? Nur? Du armer Kerl! Und wir haben schon April! Da kann ich ja noch froh sein mit meinen 2000.“

Und so weiter, und so fort!

Ich überlegte kurz, ob ich erzählte, dass sich bei meinem Radcomputer erst vor kurzem die dritte Stelle vor dem Komma das erste Mal bewegt hat. Ich ließ es sein, denn plötzlich bahnte sich eine ganze Truppe orangfarbener Trikots ihren Weg. Sie schoben 5000-EUR-Räder vor sich her und auf ihren Köpfen saßen schnittige Zeitfahrhelme. Ich fragte mich, ob sie aus Block A geflüchtet waren, als Hugo dort aufgetaucht war, doch auf ihren Rücken prangte unmissverständlich ein E! Einer betrachtete im Vorbeigehen mitleidig mein Rad, schüttelte sogar mit dem Kopf. So langsam wurde mir mulmig, wo ich hier hingeraten war. Hoffentlich fuhr überhaupt wer mit mir. 

Startschuss! Wildes Gerase von Anfang an, mein Puls war sofort am Anschlag. Ich bekam es mit der Angst zu tun, von allen Seiten jagten sie an mir vorbei als wären wir schon im Zielsprint. Die Orangenen erkannte ich am Horizont als kleine Holland-Funzeln, nur John blieb bei mir und schien unbeeindruckt vom Geschehen. Auf was hatte ich mich da eingelassen? Kaum passierten wir das Göttinger Ortsausgangsschild, ging es das erste Mal bergan. Und plötzlich änderte sich die Szenerie. Lautes Keuchen und Schwitzen umdröhnte uns, hochrote Köpfe und schwere Tritte, während John nach links ausscherte und die Überholspur nutzte. Wir radelten immernoch in Norddeutschland, die meisten konnten auf ebener Strecke einem Kleinwagen Paroli bieten, aber kaum tauchen ein paar Höhenmeter auf, ist es vorbei mit der Kraft. Klar, dass wir zwei Leichtgewichte unseren Spaß hatten, vor allem, als wir an den Orangenen vorbeizogen. Als ich den Kopfschüttler überholte, dessen ganzer Körper herumwackelte, dass ich Sorge hatte, er würde gleich von seinem Hightech-Renner kippen, konnte ich es mir nicht verkneifen hinüberzurufen:

„Mensch, klasse Rad, so eins hätte ich auch gern!“

John lachte ausgiebig. Als er sich beruhigt hatte, erklärte er mir ernst, dass meist am Ende des Feldes die ganzen Spinner mitfahren. Deswegen hatte wohl Hugo das „F“ bekommen. Vorne sähe das schon anders aus und ich solle mir nichts einbilden.

Doch der Übermut hatte von mir Besitz ergriffen und wollte mich nicht mehr loslassen. Nach der Abfahrt folgte ein langes, flaches Stück im Tal. Die Gruppe, mit der wir mitradelten, war uns zu langsam und wir machten von Zeit zu Zeit selbst das Tempo. Wenn ich ‚wir’ schreibe, meine ich natürlich nur mich selbst, John wäre nie auf die Idee gekommen, sich vor das Feld zu hängen. Ich fühlte mich fantastisch und bildete mir ein, dass ich hier eindeutig der Stärkste in dieser Gruppe war. Ich warnte John kurz vor und jagte los, um die Gruppe vor uns zu erreichen. Die läppischen 100 Meter dürften für mich kein Problem darstellen. John blieb zurück und holte mich ein paar Minuten später mit der Gruppe wieder ein. Er klopfte mir hämisch grinsend auf die Schulter und meinte, dass dies schon bei den besten Rennfahrern vorgekommen ist und der Lerneffekt ungeheuer groß wäre.

Kleinlaut reihte ich mich ein und rollte mit. Selbst am nächsten Berg spürte ich noch den Schmerz in den Oberschenkeln. Damit war es am dritten, letzten und schwersten Berg vorbei: Wir sahen plötzlich Hugo vor uns! Unser lieber Freund war durchgereicht worden und uns nun ein ganz besonderes Ziel. Wir waren selbst am Ende mit unseren Kräften, doch Hugo wollten wir in jedem Fall noch schlucken. Als wir, eine Melodie pfeifend, an ihm vorbeizogen, bemerkte er uns nicht sofort. Plötzlich begann er bei jedem Tritt laut an zu stöhnen und sein Gesicht verzerrte sich als würde er Höllenqualen durchleben.

„Ja, fahrt nur, fahrt nur. Ich schaff das! Der Sturz, der Sturz, das sind Schmerzen...“

Mehr hörten wir nicht, dann waren wir vorbei. Ich fragte John, ob er irgendwelche Zeichen von einem Sturz bei Hugo gesehen hätte, er verneinte lachend und wir stürzten uns in die Abfahrt gen Ziel.

Gänsehaut überfiel mich, als ich mit John zusammen auf der Zielgeraden entlang jagte. Tausende Zuschauer hatten sich hier versammelt und feuerten uns auf unseren letzten Metern an. Ein ohrenbetäubendes Spektakel und ich vergaß all die Leiden. Daniel wartete auf uns mit ein paar Bier und einem Wasser für mich in der Hand und fragte, ob wir Hugo gesehen hätten.

„Ja klar“, antwortet ich vergnügt. „Er mimt immernoch irgendwo auf der Strecke den Verletzten. Lass uns was essen gehen, das wird sicher noch dauern. Der meldet sich, ganz bestimmt.“

Wir kurvten an einen Nudelstand und ließen uns drei riesige Portionen servieren. Während wir aßen, konnten wir auf die Zielgerade schauen. Kurz bevor ich mit der Gabel meine letzte Nudel aufspießte, raste Hugo mit einem Affentempo durchs Ziel, als ginge es noch um den Sieg. Mit hochgerissenen Armen überquerte er die Ziellinie und jubelte dem Publikum zu, welches inzwischen nur noch aus ein paar Rentnern bestand. Wir winkten ihm zu und strahlend wackelte er zu uns herüber.

„Na Hugo,“ konnte sich Daniel eine Stichelei nicht verkneifen. „Kommst reichlich spät. Vor allem für einen Block-A-Starter. Die anderen sind alle schon auf der Heimreise...“

Wir grinsten, doch Hugo kränkte das nicht, der Kerl schien nie seine gute Laune zu verlieren. Wenn er nicht so nervig wäre könnte man das glatt von ihm lernen wollen.

„Ach Jungs. Erst dieser Sturz...“, er nickte uns verschwörererisch zu , als wären wir längst im Bilde. „Dann dieser Opa. 75 Jahre alt und am Hohen Hagen hats ihn erwischt. Fuhr die ganze Zeit an der Spitze und Opa hinter mir, dann gabs nen Schrei und er brach zusammen. Hab sofort angehalten, als Einziger! Eh der Krankenwagen kam dauerte das. Mussten aber nicht mehr viel machen, meine erste Hilfe hatte ihn schon wieder aufgepäppelt.“

Er seufzte und wir waren enttäuscht, dass er nicht mehr zu bieten hatte. Doch dann setzte er erneut an:

„Hab auf 'm Tacho gesehn, dass noch 20 Kilometer bis ins Ziel. Müsste in ner halben Stunde zu schaffen sein und jau, hab genau bei 29:54 gestoppt.“

Er zeigte uns seine Uhr, auf der uns tatsächlich diese Zahl anlächelte. Wahrscheinlich war das die Ausruhzeit von Hugos Pausen, aber wir wollten ihn nicht ärgern und taten so, als ob wir ihm glaubten. Daniel spenderte ihm ein Nudelgericht und ich ein Bier, dann mampfte er und hielt die Klappe.

 

Auf dem Heimweg war ich froh, dass wir nicht alle mit Hugos Bus gekommen waren, wer weiß, was wir noch erlebt hätten. So kam ich glücklich spätnachmittags zu Hause an und schlief selig auf dem Sofa ein. Mein erstes Radrennen war Geschichte.

 

About Me

Rennrad fahren, schreiben und programmieren! Aus diesem Mix meiner liebsten Hobbys ist Paul Blaes hervorgegangen; was kann es Schöneres geben, als seine Vorlieben zu verbinden und auch noch andere daran zu erfreuen. Entstanden sind nicht nur satirische Onlinegeschichten über die Rennradelei, sondern auch ein Buch – inzwischen als Taschenbuch und E-Book, welches zu etwa einem Drittel exklusive Kapitel enthält. Darüber hinaus werden über diese Website Trainingsvideos angeboten, welche sich als Motivation für die Wintermonate auf Rolle, Spinningrad oder allen anderen Hometrainermöglichkeiten eignen. Diese Videos enthalten neben den schönsten Landschaften Europas (bisher Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich und Mallorca) – in der Hauptsache berühmte Pässe oder Bergstrassen – auch die Geodaten der Original-GPS-Aufzeichnung. Die ältesten Videos enthalten bereits Angaben zu den durchfahrenen Orten, der aktuellen Höhe, der Restkilometer und der Steigung. Je neuer die Aufnahme, desto mehr Technik wurde integriert, die neuesten Videos enthalten alle darüber hinaus Restzeit, Geschwindigkeit, Höhenmeter sowie bei besonders aufregenden Bergpassagen auch nur für diese Passagen Restzeiten und Höhenmeter. Und obendrein hat sich auch die Aufnahmequalität der Bilder enorm verbessert. Wer einmal sein Training mit so einem Video gestaltet, wird nicht mehr ohne wollen J

Ich wünsche viel Vergnügen auf allen Seiten von www.paulblaes.de!