Aktuelle Seite:
Home / Buch / Kapitel 01-10 / Kapitel 09: Hungerast

Kapitel 09: Hungerast

Paul ist immer für Überraschungen gut. An sein ganz besonderes Rennrad-Utensil haben wir uns inzwischen gewöhnt. Er schleppt es unermüdlich mit sich herum, trotz der einen oder anderen Spitze, die er über sich ergehen lassen muss. Aber es gab diesen Tag, an welchem er es uns das erste Mal präsentierte. Und das kam so:

Anfang Mai starteten wir an einem bewölkten Tag Richtung Ith und Roter Fuchs. Zum Glück regenfrei, sonst hätten die Weicheier Paul und John gekniffen. Hugo tat es, er erzählte uns was von schwerer Verletzung nach dem Göttingen-Rennen und mindestens 8 Wochen Pause. Wir begossen diese tragische Nachricht noch am selben Abend jubelnd mit einem Bier (Paul trank ein widerliches Gesöff namens Bitter Lemon!).

Um die Strecke kümmerte ich mich. Aus gleichem Grund wie erwähnt (Kneifgefahr) nannte ich auf Nachfrage der Zwei stark abgerundete Kilometer- und Höhenmeterwerte. Dummerweise merkten sie es auf der Fahrt, als der Kilometerzähler sich langsam der 100 näherte und das Ziel noch in weiter Ferne lag. Ith, Roter Fuchs und sogar der steile Lauensteiner Berg wurde bravourös gemeistert, doch jetzt ging langsam das Gemecker los.

„Wie weit ist es noch, Daniel.“, nervte Paul. „Ich hab Hunger und nichts mehr dabei.“

„Hier, iss das.“ Ich gab ihm das letzte Stück Müsliriegel, was ich noch in meiner Rückentasche fand. John guckte neidisch, auch bei ihm gab es keine Reserven mehr. Das beunruhigte mich aber nicht, John hat nie Reserven an Bord, er verlässt sich auf des Ersatzlager seiner Kumpels.

Zehn Minuten später ging das Gejammer erneut los. Pauls Kräfte schwanden sichtlich, an jedem kleinen Hügel ließ er reißen, seine Birne war kaum noch von seinem roten Helm zu unterscheiden.

„Hast Du noch was, Daniel?“, jammerte er. „Ich bin echt fix und alle!“

„Nee. Aber sind nur noch paar Kilometer“, log ich und bekam langsam Panik, er könnte tatsächlich nicht durchhalten.

„Was heißt paar Kilometer?“, schrie er. „Zehn? Zwanzig? Nächstes Mal such ich die Runde aus, war klar, dass du einen Marathon draus machen musst.“

Wir bogen auf eine Hauptstraße, auf der reger Rennradverkehr herrschte. Eine RTF! Eine Gruppe nach der anderen überholte unseren erbärmlich langsamen Haufen, wir ernteten mitleidige Blicke und ich duckte mich jedes mal aus Angst erkannt zu werden.

Als ich mich umdrehte, hechelte Paul meterweit hinter uns. Ein Hungerast, kein Zweifel!

„Ich muss was essen!“ keifte er wütend, als er unser fast stehendes Hinterrad einholte. „Ich muss was essen, geht nicht mehr!“

Da entdeckte ich ein Schild:

„Verpflegungsstation in 500 Metern“

Paul sah es gleichzeitig, jubelte und zog an uns vorbei.

„Paul, das ist nicht für uns.“, warnte ich ihn noch, doch er hörte nichts mehr. Ähnlich einem Wüstenwanderer, der einer Fata Morgana entgegenstürmt, war er nicht mehr zu halten. An der Verpflegungsstation standen nur drei oder vier Radler, quatschten und kauten ihr Müslizeugs. Als wir anlangten, legte Paul gerade seinen Renner auf die Wiese und klackerte zielstrebig zum Tresen. Wir hielten uns lieber im Hintergrund. 

Paul schaute kurz auf die Auswahl und wollte nach einer Banane grapschen, als ein bulliger Typ mit Rauschebart und Karohemd sein Handgelenk packte:

„Nummer?“

„33“, antwortete Paul prompt ohne rot zu werden.

„Zeigen!“, hörten wir des Rauschbarts zackigen Befehlston, vielleicht ein General a.D.

„Verloren!“, meinte Paul trocken und wollte sich loswinden, doch die Finger glichen Schraubstockbacken.

„Ohne Nummer gibt’s hier nix.“, sagte der General erbarmungslos.

„Hey, hören Sie. Die Nummer ist mir echt irgendwo abgerissen.“ , versuchte es Paul auf die sanfte Tour.

„Ohne Nummer gibt’s hier nix.“

Paul hob den Finger.

„Moment“, meinte er und stöckelte zurück zu seinem Rad. Er kramte in seiner Werkzeugtasche und klackerte mit irgendetwas in der Hand zurück. Am Tisch angekommen, warf er dem Karohemd einen Zehner hin.

„Dafür krieg ich ne Wagenladung vom dem Zeug hier!“, sagte er und wollte zugreifen.

„Ohne Nummer“, sagte der Kerl und packte Paul so fest am Arm, dass diesem ein Schmerzensschrei entfuhr, „GIBT – ES – HIER – NICHTS!   KLAR?“

„Aber ich bezahl doch dafür! Zum zweiten Mal heute!“, schwindelte Paul entrüstet.

„Das nennt man Bestechung, du Würstchen!“

„Meine Fresse, was bist du denn für ein Wichtigtuer?“ Paul platzte der Kragen.

„Wegtreten!“, erwiderte der Kerl ruhig und ließ Pauls Arm los.

Der rastete aus und schimpfte, krallte sich dann aber seinen Zehner und stapfte wütend von dannen.

„Wir sehen uns noch, das schwör ich dir!“, rief Paul und hob sein Rad aus dem Gras.

„Mitkommen!“, befahl er, als er an uns entdeckte. „Das lass ich mir nicht gefallen! Dreckskerl!“ 

Zu unserem Erstaunen fuhr Paul in die Richtung, aus der wir gekommen waren. An einem kleinen Waldweg hielt er an, stieg ab, drehte sein Rad und stellte es auf Lenker und Sattel, dass es nach einer Panne aussah.

„Ihr tut jetzt, was ich sage, klar?“, zischte er und fügte, zu mir gewandt, hinzu: „Das gilt vor allem für dich, der uns das hier eingebrockt hat.“

Ich war mehr gespannt auf das Kommende als dass mich sein Vorwurf ärgerte, also nickte ich brav. So hatte ich unseren Paul noch nie erlebt. Wir warteten. Worauf auch immer. Gruppenweise rollten die RTFler an uns vorüber, Paul ignorierte sie. Dann entdeckte er einen Einzelkämpfer, trat auf die Straße, Pumpe in der Hand, und hielt ihn an.

„Hallo. Tut mir leid, ich habe eine Panne. Brauch mal deine Hilfe.“

Der recht betagte Radler stieg bereitwillig ab und lehnte sein Rad an einen Baum. Freundlich fragte er:

„Wo hakt es denn? Will er nicht mehr?“

„Doch, und wie er will!“, meinte Paul grimmig. „Vor allem will er was essen! Nummer her!“

Drei Gesichter, meins eingeschlossen, starrten Paul fassungslos an, der die Hand ausgestreckt hatte, den Alten fixierte und wiederholte:

„Her mit Deiner Nummer!“

„Wie bitte?“, protestierte der. „Was seid ihr denn für Spinner?“

„Los, festhalten!“, befahl uns Paul und fing an, die Nummer vom Rücken des Alten abzufummeln. „Du bekommst die zurück, aber für den Moment ist sie mein!“

Wir fügten uns alle drei, gegen den rasenden Paul waren wir chancenlos. Er klemmte sich die Nummer an sein Trikot und trat in die Pedale, als wär der Teufel hinter ihm her. Vielleicht saß der in diesem Moment sogar auf Pauls Rad...

Nach zwanzig Minuten rollte gemütlich ein Rennradler um die Kurve: Paul. Er stieg ab und strich sich wohlig über den Bauch. Dann leerte er seine Trikottaschen, die er mit Bananen, Kuchen und Keksen gefüllte hatte. Dem Alten, den wir inzwischen aufgeklärt und ein wenig beruhigt hatten, gab er einen Klaps auf den Rücken sowie Nummer und den Bestechungs-Zehner in die Hand.

„Tut mir leid, was geschehen ist. Hier als kleine Entschädigung.“ Paul  lächelte und fügte hinzu:

„Ach ja, du solltest dich hier sattessen und dann direkt nach Hause radeln. Nummer 57 ist soeben wegen ungebührlichen Verhaltens von der heutigen RTF ausgeschlossen worden und soll sich hier nie wieder blicken lassen!“

 

Zwei Tage später:

Wir trafen uns zu einer kleinen Feierabendausfahrt. Paul erschien als Letzter, was an sich für unseren Pünktlichkeitsfanatiker bemerkenswert genug war. An seiner Sattelstütze klemmte eine Tasche Marke XXL!

 

„Hab ich mir gekauft. Ist voller Futter. Und ne Regenjacke, Werkzeug, Handy und Portmonee passen auch rein.“, erzählte er stolz. Wir juxten ein wenig herum und tauften die Megatasche auf den Namen „Koffer“. Paul nahm's gelassen. Einen Hungerast erlebte er dank Koffer bis heute nie wieder.

 

About Me

Rennrad fahren, schreiben und programmieren! Aus diesem Mix meiner liebsten Hobbys ist Paul Blaes hervorgegangen; was kann es Schöneres geben, als seine Vorlieben zu verbinden und auch noch andere daran zu erfreuen. Entstanden sind nicht nur satirische Onlinegeschichten über die Rennradelei, sondern auch ein Buch – inzwischen als Taschenbuch und E-Book, welches zu etwa einem Drittel exklusive Kapitel enthält. Darüber hinaus werden über diese Website Trainingsvideos angeboten, welche sich als Motivation für die Wintermonate auf Rolle, Spinningrad oder allen anderen Hometrainermöglichkeiten eignen. Diese Videos enthalten neben den schönsten Landschaften Europas (bisher Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich und Mallorca) – in der Hauptsache berühmte Pässe oder Bergstrassen – auch die Geodaten der Original-GPS-Aufzeichnung. Die ältesten Videos enthalten bereits Angaben zu den durchfahrenen Orten, der aktuellen Höhe, der Restkilometer und der Steigung. Je neuer die Aufnahme, desto mehr Technik wurde integriert, die neuesten Videos enthalten alle darüber hinaus Restzeit, Geschwindigkeit, Höhenmeter sowie bei besonders aufregenden Bergpassagen auch nur für diese Passagen Restzeiten und Höhenmeter. Und obendrein hat sich auch die Aufnahmequalität der Bilder enorm verbessert. Wer einmal sein Training mit so einem Video gestaltet, wird nicht mehr ohne wollen J

Ich wünsche viel Vergnügen auf allen Seiten von www.paulblaes.de!